Kulturnews 02/2018

I.K. unter Verwendung von wikipedia:

Zeitgeschichte im Film

Der Kulturring überrascht sein Publikum im Februar im Club in der Baumschulenweger Ernststraße sowie in der Bohnsdorfer Kulturküche mit einem spannenden und anspruchsvollen Filmangebot, das interessante Begegnungen und Wiederbegegnungen ermöglicht. Die Erinnerung an Brechts 120. Geburtstag am 10. Februar ist Anlass, sich mit Slantan Dudows Film „Kuhle Wampe“ zu beschäftigen, an dessen Drehbuch Bertolt Brecht wesentlich beteiligt war und zu dem Hanns Eisler die Musik schrieb. Diese Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm ist eine gute Wahl auch noch zur heutigen Zeit, ermöglicht er doch jedem einzelnen, Parallelen zu ziehen zu unserer Gesellschaft heute, zum eigenen Leben oder den Erwartungen an sich und sein Leben.
„Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ spielt im Berlin der frühen 1930er Jahre. Zu Beginn des Films stürzt sich ein arbeitsloser junger Mann (Annis Bruder) aus Verzweiflung aus dem Fenster, nachdem er den Tag wieder vergeblich damit verbracht hat, nach Arbeit zu suchen. Seiner Familie wird kurz darauf die Wohnung gekündigt. Sie zieht in eine Art Gartenkolonie mit dem Namen „Kuhle Wampe“. Anni, die Tochter der Familie und das einzige Familienmitglied, das noch Arbeit hat, wird schwanger und verlobt sich mit ihrem Freund Fritz, der schon am selben Abend erklärt, dass ihm die Verlobung aufgrund von Annis Schwangerschaft aufgezwungen wurde. Anni verlässt ihn nach dieser Erklärung und zieht zu ihrer Freundin Gerda. Sie nimmt später an einem Arbeitersportfest teil, wo sie wieder auf Fritz trifft, der zuvor seine Arbeit verloren hat. Sie finden daraufhin wieder zueinander. Höhepunkt des Filmes bildet die Heimfahrt mit der S-Bahn (diese Szene wurde von Bertolt Brecht geschrieben). In dieser streiten sich Anni, Fritz sowie einige Arbeiter mit bürgerlichen und wohlhabenden Männern und Frauen über die Situation der Weltwirtschaftskrise. Einer der Arbeiter bemerkt, dass die Wohlhabenden die Welt sowieso nicht verändern werden, worauf einer der Wohlhabenden fragend erwidert, wer denn stattdessen die Welt verändern könne. Gerda antwortet: „Die, denen sie nicht gefällt.“
Vier Jahrzehnte hatte sich Brecht mit dem Medium Film auseinandergesetzt. Neben Skepsis gegenüber der Filmindustrie, besonders Hollywood, war da auch Spaß, Begeisterung für die neue Technik und die Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Mit Slatan Dudow und Hanns Eisler schuf er „Kuhle Wampe“ nach seinem „Programm des nichtaristotelischen Films“: Eine Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm, der sofort von der Zensur verboten und erst nach Protesten unter Schnittauflagen freigegeben wurde. Einen der Gründe sahen die Herrschenden darin, dass im Film deutlich werde, dass „von dem gegenwärtigen Staat und seinen Vertretern keine wirkungsvolle Hilfe gegen Not und Elend zu erwarten sei“, was nach Meinung der Filmemacher eine Beseitigung der demokratischen Staatsordnung „im Sinne einer kommunistischen Weltrevolution“ erforderlich mache. 1933 wurde der Film unter Bezugnahme auf die „Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat“ erneut verboten, diesmal waren Rechtsmittel ausgeschlossen.

Filmregisseur Helmut Käutner, 1960, Foto: Harry Pot, CC BY-SA 3.0 NL

Auch unser zweites Film-Event ehrt einen berühmten Filmregisseur, der es mit der NS-Zensur nicht leicht hatte. An Helmut Käutners 110. Geburtstag im März wollen wir am 23. Februar in der Kulturküche Bohnsdorf erinnern. 1939 begann die Karriere Helmut Käutners als Regisseur mit dem Film „Kitty und die Weltkonferenz“, der jedoch von der NS-Zensur als pro-britisch verboten wurde. Großen Erfolg brachten ihm 1955, 1956 und 1958 seine drei Zuckmayer-Verfilmungen „Des Teufels General“ mit Curd Jürgens, „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann und „Der Schinderhannes“, wiederum mit Curd Jürgens. Später produzierte er für das Fernsehen, trat gelegentlich als Schauspieler auf und führte Regie am Theater. Zudem inszenierte er bei Radio Hamburg (späterer NWDR) bemerkenswerte Hörspiele. Käutner verstarb 1980, wurde vielfach mit Preisen und Auszeichnungen geehrt und erhielt 2014 einen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin. Filmwissenschaftlerin Irina Vogt hat sich für diese Veranstaltung beispielhaft den Film „Unter den Brücken“ (Deutschland, Ufa 1944) ausgesucht. Sicher ist dazu auch noch erwähnenswert, dass die UFA 2017 den 100. Jahrestag ihres Bestehens feierte. Wie in „Romanze in Moll“ (1943) versteht es Käutner, sich auch mit seinem zweiten Meisterwerk der Nazi-Ideologie zu entziehen. Obwohl im Kriegsjahr 1944 entstanden, gelang ihm die Schilderung einer privaten Idylle fernab der damaligen deutschen Realität, gedreht im Stil des französischen poetischen Realismus. Der Film handelt von einer Dreiecksgeschichte um zwei Binnenschiffer Hendrik und Willy und das Mädchen Anna. Die Männer schließen ein Abkommen: Wer Annas Zuneigung gewinnt, muss auf seinen Anteil am Kahn verzichten.
Auf einiges verzichten muss seit 2012 auch Julian Assange, der Gründer von Wikileaks, nachdem er sich entschlossen hatte, in die Botschaft von Ecuador in London zu flüchten. Das Ganze ist ein wohl einmaliger Stoff für einen Dokumentarfilm. Die schwedische Staatsanwaltschaft will ihn wegen angeblicher Sexualdelikte belangen, aber Assange befürchtet, dass es sich um eine Falle handelt, um ihn in die Vereinigten Staaten auszuliefern; dort läuft ein Geheimverfahren gegen ihn. Richter Garzón, der durch ein Verfahren gegen den chilenischen Diktator Pinochet bekannt wurde, erfindet sich im selben Jahr als Anwalt neu. An der Spitze einer internationalen juristischen Gruppe führt er einen komplexen Fall mit tiefgreifenden politischen Auswirkungen, an dem mehrere Länder beteiligt sind und dessen Entwicklung die Informationsfreiheit weltweit beeinflussen wird.
Durch einen exklusiven Zugang zu seinen Protagonisten begleitet der Dokumentarfilm „Hacking Justice“ drei Jahre lang diese zwei umstrittenen Charaktere: Assange, der für Transparenz der Mächtigen kämpft, und Baltasar Garzón, den „Hacker der Gerechtigkeit“ - beide vereint gegen den mächtigsten Staat der Welt. Eine Pattsituation, die noch nicht beendet ist.
Zu diesem ganz besonderen Abend am 27. Februar im Club in der Ernststraße erwarten wir die spanischen Filmemacher, die ihr Werk präsentieren werden. Clara López Rubio ist Filmhistorikerin und studierte Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Zu ihren Publikationen gehört das Buch „Fliegerträume und Spanische Erde“ (Schüren Verlag) über Filme zum spanischen Bürgerkrieg. Juan Pancorbo studierte Informationswissenschaften an der Complutense Universität in Madrid und Filmregie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlain. Derzeit arbeitet er für den deutschen internationalen Fernsehsender Deutsche Welle.
Der Kulturring lädt mit diesem drei sehr unterschiedlichen Beiträgen alle Filmliebhaber ein, im Monat der Berlinale einen Ausflug in einen Club zu einer filmischen und geschichtlichen Zeitreise zu wagen und interessante Gesprächspartner zu treffen.


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