Kulturnews 03/2011

Steffen Wagner:

Von schrägen Vögeln und wilden Katzen

Foto: Steffen Wagner

Januar. Trübe Stimmung – alles grau in grau? Die Sonne will sich nicht blicken lassen. Die Energiesparlampe leuchtet den ganzen Tag. Tristesse überall? Von wegen.
In Weißensee, einem Stadtteil, in dem sich Fuchs und Hase eine gute Nacht wünschen, war etwas los. Der Jugendclub „Maxim“ in der Charlottenburger Straße lud am 23. Januar zum traditionellen KinderKunstTag ein. Und viele kamen. Für die Kleinen und die Großen, ob zu Fuß oder im Rollstuhl – für jeden war etwas dabei.
Was ist der KinderKunstTag? Ganz einfach: Kinder und Jugendliche machen Kunst, zeigen Kunst oder lassen sich inspirieren, um eines Tages selbst Kunst zu machen. Der Kulturring in Berlin e.V. veranstaltet dieses Fest schon seit einigen Jahren. Zahlreiche Helfer arbeiten diesmal ehrenamtlich, damit es überhaupt stattfinden kann. Viele Kinder freuen sich darauf. Und die Eltern ebenso – der KinderKunstTag ist ein wichtiger Termin in ihrem Kalender oder auf ihrem i-phone. Trotzdem ist die Fortführung leider gefährdet. Doch davon später mehr.
Die kleine Prinzessin im rosa Kleid ist müde, obwohl die Trommeln kraftvoll schlagen. Oder hält sie sich nur die Ohren zu, weil die afrikanischen Trommler zu laut sind? Ein blonder Junge trommelt mit, seine Mutter ist auch dabei. Draußen vor der Tür brennt ein Feuer, man fühlt sich wie in der Bronx. Aber Weißensee ist nicht die Bronx. Nur die Raucher wärmen sich vor dem „Maxim“ auf. Den Kindern kann das egal sein...
Was macht den KinderKunstTag so besonders? Das Konzept überzeugt, es basiert auf drei Säulen: eine Ausstellung, Workshops und eine grandiose Bühnenshow. Junge Künstler präsentieren an den Wänden ihre Bilder, und manche Erwachsene wären froh, wenn sie solch ausdrucksstarke Malerei in „richtigen“ Galerien zu sehen bekämen. Die Workshops bieten allerhand, man kann sich schminken lassen oder Akrobatik lernen. Manche Kinder wollen Speckstein formen. Doch die Väter sind oft nicht weit. Tatiana B. erklärt amüsiert: „Wenn die Kinder anfangen zu sägen oder zu feilen, vergessen sie alles um sich herum. Doch dann kommt oft der Vater vorbei und zeigt seinem Schützling, dass er noch schneller sägen kann.“
Auch die Bühnenshow ist großartig, fünf Stunden lang präsentieren junge und weniger junge Künstler dem geneigten Publikum ihr Können. Als Erstes singt der Chor „Die schrägen Vögel“ von allerlei sonderbarem Getier. Im „Lied vom fliegenden Fisch“ fragen die Sänger das lauschende Publikum:
„Wie soll ich leben in der dünnen Luft,
die ihr verbraucht für euer Marktgeschrei?
Ihr hört ja nicht, wenn einer Hilfe ruft.
Hier unten hört man meilenweit.“
Michaela P. moderiert die Veranstaltung mit dem 9jährigen Younes. Sie kündigen Musikanten mit Akkordeon, Tanzladys, einen Sitarspieler und eine Theatergruppe an. Michaelas eigene Kinder sind um 17 Uhr müde und werden von den Großeltern nach Hause gebracht. Simone K. und Bettina J. managen mit anderen Ehrenamtlichen den Backstage-Bereich. Das ist gar nicht so einfach, wenn binnen weniger Minuten zwanzig Künstler die Garderobe verlassen und vierzig neue Künstler sich auf ihren Auftritt vorbereiten. Trotzdem läuft alles fast so routiniert wie bei einem professionellen Konzert. Die Grazien von der Bauchtanzgruppe aus dem Jugendtreff „FreiRaum Weißensee“ erfreuen mit ihren orientalischen Hüftschwüngen jedes Auge. Die jüngste Tänzerin ist gerade mal 8 Jahre alt. Die Schauspieler von der „Rasselbande“ spielen vor einem begeisterten Publikum. Der Abend endet mit einer Feuershow, wie sie auch in der Bronx ihresgleichen sucht.
Ein Höhepunkt ist der Auftritt der zukünftigen Rockstars „TheWildCats“. Die dreiköpfige Combo – drei Brüder – spielt Hits wie „Hey Joe“ und „Wild Things“ sowie eigene Songs. Der Frontmann und der Bassist sind erst neun Jahre alt. Begleitet werden sie von ihrem älteren Bruder (11) am Schlagzeug. Die Groupies an der Bühne kreischen lautstark. Wenn „TheWildCats“ so weiter machen, muss sich Rammstein demnächst warm anziehen.
Was lernen wir vom KinderKunstTag? Ein paar Stelzenläufer beweisen uns, dass es immer schwieriger wird, zwischen Groß und Klein zu unterscheiden. Und der gute alte Kajalstift ist auch bei jungen Männern noch lange nicht out. Ehrenamtliches Engagement kann Veranstaltungen ermöglichen, die man eigentlich nicht für möglich hält. Dieser Tag war nur durch insgesamt 21 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer aus dem Kulturring-Projektbereich Nord möglich, jedoch kann dies nicht die alleinige Basis für derartige Veranstaltungen bleiben. Aber ohne sie hätte der KinderKunstTag nicht stattgefunden. Um weiter solche Veranstaltungen organisieren zu können, brauchen wir mehr öffentliche Unterstützung. Berlin rühmt sich als Hauptstadt der Kultur, will aber nichts dafür bezahlen. Solche Feste sind ohne Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln in Zukunft nicht mehr möglich. Oder so teuer, dass es sich nur Kinder aus wohlhabenden Haushalten leisten können.
Dem ist nichts hinzuzufügen.
(Die abgekürzten Namen der Helferinnen sind der Reaktion natürlich bekannt, nur stehen sie nicht gern im Licht, was wir respektieren.


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