Kulturnews 10/2009

Eberhard Klöppel:

Zwei mal 20 Jahre Fotografie

Eine subjektive Sicht
Foto: Eberhard Klöppel

Ich nenne meine Ausstellung Neues Deutschland. Das ist kein nostalgischer Titel, der an eine verblasste Tageszeitung erinnern soll. Auch für mich war das Jahr 1989 ein Wendepunkt, auch ich verfolgte das beginnende Wachsen eines neuen Landes. Als Bildreporter der DDR-Wochenzeitschrift NBI (Neue Berliner Illustrierte) hatte ich die Chance, in fast allen gesellschaftlichen Bereichen der Republik Reportagen zu erarbeiten, das waren meine ersten 20 Jahre.
Ein Großteil der hier gezeigten s/w-Fotos aus DDR-Zeiten und den Wendeereignissen wurde in der NBI gedruckt. Mehrere meiner Fotografenkollegen hatten sich – wie auch ich – aufwändigen Langzeitprojekten verschrieben. Diese wurden natürlich neben der täglichen redaktionellen Arbeit betrieben. So war ich z.B. von 1978 bis 1989 im Mansfelder Land (heute Sachsen-Anhalt), fotografierte in Kupferschächten und -hütten, auf Haldenlandschaften und Schlachtfesten. So zeugen meine Fotos, genauer gesagt meine Beobachtungsfotos, von bewegten, teilweise lauten, aber auch stillen Begegnungen.
Ungefähr zwei Jahre lang besuchte ich in den 1980er Jahren Clärchens Ballhaus und das Altdeutsche Ballhaus im Berliner Zentrum. Als mit diesen Fotos ein Beitrag erschien, verlautete von höherer Stelle, dass die Abgebildeten wohl nicht so aussähen, als wollten sie anderntags wieder den Plan erfüllen. An mein Projekt Gaswerk werden sich ja noch einige erinnern.
Die journalistisch kreativste, aber auch arbeitsintensivste Zeit begann im Herbst 1989. Von Ausgabe zu Ausgabe gab es neue Töne – eine Ruhe vor dem Sturm: Die Demos in Leipzig, Berlin und anderen Städten, letztlich die Öffnung der Mauer. Wir in der Redaktion erklärten den alten Chefredakteur für abgesetzt und wählten aus unserer Mitte einen vertrauenswürdigen, undogmatischen neuen – den Parteisekretär. Es begann eine Zeit des Sich-Befreiens, Journalismus und „Straße“ ergänzten sich.
In der NBI gab es eine lange Tradition der Bildreportagen, in denen sich das kreative Potenzial des Fotografen, des Texters sowie auch des Grafikers manifestierten. Mit der neuen Zeit kamen jedoch auch neue Besitzer, die klassischen Reportagen verschwanden. Die neuen „Bildstrecken“, wie es nun hieß, bestanden oft aus der winzigen Essenz kiloschwerer Agentursendungen. Das Blatt tendierte Richtung Boulevard, wurde umbenannt und letztlich eingestellt. Und so begannen für mich die zweiten 20 Jahre.
Ohne redaktionelle Heimat war ich plötzlich freischaffend. Ich fotografierte fortan für Tageszeitungen im Springerverlag. Als ca. Mitte der 1990er Jahre die Digitalfotografie den Bildjournalismus revolutionierte, entschied ich mich: die schnellen Fotos digital, die wichtigeren auf Film.
Was zu DDR-Zeiten kein Problem war, Menschen in ihrer Umgebung, auf Straßen, in Betrieben sowieso, zu fotografieren, ist heute so gut wie unmöglich. Es ist ein rechtliches Problem geworden. Viele ernsthafte Fotografen suchen sich neue Lücken im großen Spektrum des Darstellbaren.
Aus der riesigen Schar der Handy-„Fotografen“ in aller Welt sind stets einige zur Stelle, sei es bei Naturkatastrophen, Politskandalen oder Ereignissen, die sich an Städtenamen wie London, Bombay oder Teheran festmachen lassen. Erst nach diesen Amateurbildern schlagen die professionellen Journalisten zu.
Trotz der Abermillionen Fotos, die täglich wie Weltraumschrott das Internet überschwemmen und uns über die Werbung und das Fernsehen erreichen, beweisen steigende Besucherzahlen in anspruchsvollen Ausstellungen mit künstlerischer und journalistischer Fotografie ein gewachsenes Interesse an nachhaltigem ästhetischen Genuss. Meine Auffassung von journalistischer Fotografie, von Fotografie allgemein, ist zwar über Jahre gewachsen, aber letztlich dieselbe geblieben: Immer noch erlebe und erlaufe ich die guten Bilder, ich muss mobil sein, und ich bin es auch. Wie ehedem verfolge ich Langzeitprojekte, zum Beispiel die Schulklasse (in der Ausstellung zu sehen), die ich nach 25 Jahre wieder fotografiert habe. Den nicht mehr vorhandenen Kontakt zu einer Redaktion kompensiere ich durch intensiven Kontakt mit gleichgesinnten Fotografen. Zur substanziellen Erweiterung meiner fotografischen Ausdrucksmöglichkeiten nutze ich die Möglichkeiten moderner Kamera- und Computertechnik. Ich bin überzeugt, dass mich u.a. meine Farbexperimente auch noch in den dritten 20 Jahren ausfüllen werden.


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