Kulturnews 09/2009

Jürgen Weyda:

Die Behrens-Siedlung wird Neunzig

Foto: Prof. Peter Behrens

Im südlichsten Teil von Karlshorst, am Hegemeisterweg, liegt die denkmalgeschützte Behrens-Siedlung.
Etwa 1914 fasste die Stadt Berlin-Lichtenberg den Beschluss, eine große Reihenhaussiedlung in der Wuhlheide zu errichten. Es gab bereits Entwürfe für eine Kleinhaussiedlung vom Baurat Goecke und Prof. Eberstadt. Auch etwa 1914 entstand eine Planung vom Schöneberger Architekten Wolf für diese Siedlung. Diese Pläne wurden jedoch nicht realisiert.
Fast gleichzeitig entwickelte der Architekt Prof. Peter Behrens (1868-1940) Entwürfe zur Waldsiedlung. Auch er plante, großzügig gestaltete Einfamilienhäuser in einem geschlossenen Komplex mit Freiflächen und gegliederten Straßenzügen zu errichten. Wahrscheinlich durch den 1. Weltkrieg wurde das Siedlungskonzept nicht weiter verfolgt. Erst nach dem Krieg wurde es verwirklicht. Durch die inzwischen gestiegenen Baukosten musste Behrens seine Entwürfe überarbeiten. Nicht mehr Einfamilien-, sondern Reihenhäuser waren Bestandteil des Konzeptes der gemeinnützigen Baugesellschaft, die das Terrain erworben hatte. Behrens gestaltete die Häuser in einfacherer Form, setzte aber mehr Farbe ein. So sind die Häuser in ganz hellem Grau, in Weinrot und in einem gelblichen Ton. Als Kontrast zur Fassadenfarbe sind die Eingangstüren und Fensterläden in Blau oder Grün. Die Bauausführung lag in den Händen von Dr. Rudolf Gleye (1881-1929), nach dem später der Gleyeweg in der Siedlung benannt wurde.
Begrenzt wurde dieses Gebiet in nördlicher Richtung durch den Verlauf der Rohrlake, westlich durch die Schienen der Industriebahn ("Bullenbahn"), südlich durch die Rummelsburger Chaussee.
Die für die damaligen Verhältnisse großzügig gebauten Einfamilienhäuser hatten je nach Typ 4 Zimmer, Küche, Bad, Waschküche, gesonderte Toilette, im Dachgeschoss ein Mansardenzimmer und einen Gartensitz (Veranda) sowie einen 150-300 m² großen Garten mit einem kleinen Stallgebäude für die Haltung von Kleintieren. Zusätzlich gab es mehrere 4-Familien-Häuser mit kleineren Wohnungen. Geplant war die Anlage eines Sportplatzes. An der Industriebahn sollte eine Haltestation errichtet werden, um die Bewohner der Siedlung mit Kartoffeln und Brennmaterial zu versorgen. Auch für den Bau einer Schule und einer Apotheke wurde Bauland reserviert.
Von den geplanten rund 500 Wohnungen wurden jedoch nur 117 Wohneinheiten im Hegemeisterweg, das Ladenhaus in der Liepnitzstraße, im Drosselstieg, im Gleyeweg und im Fuchsbau fertiggestellt, es fehlte wohl an finanziellen Mitteln. Der Baubeginn war 1919. Die ersten Häuser wurden 1920 bezogen. Im Adressbuch von 1921 (damals Lichtenberg, noch nicht Karlshorst) sind die Bewohner bereits aufgenommen worden. Die Häuser im Fuchsbau wurden in diesem Jahr noch als Baustellen ausgewiesen.
Gleichzeitig mit dem Bau des Kraftwerks Klingenberg wurden im Gleyeweg drei Mehrfamilienhäuser für Angestellte des Kraftwerks errichtet. Die nicht bebauten Flächen wurden etwa ab 1937 mit Zweifamilien-Eigentumshäusern bebaut. Viele der neuen Bewohner besaßen vorher ein Grundstück auf dem Tempelhofer Feld, das für die Erweiterung des Flugplatzes geräumt werden musste.
Auch der 2. Weltkrieg hatte noch Einfluss auf die Bebauung der Waldsiedlung. Direkt hinter dem Geschäftshaus im Hegemeisterweg wurde ein Bunker erbaut, der nach dem Krieg gesprengt und Anfang der 50er Jahre abgetragen wurde. Ein zweiter wurde hinter den Schienen im Hegemeisterweg erbaut. Dieser steht heute noch, da eine Sprengung größere Schäden am gegenüberliegenden Trafohaus (heute Wohnhaus) und damit an der Stromversorgung verursacht hätte.
Nach 1945 erlangte die Siedlung in Karlshorst an Bedeutung, als das Sperrgebiet errichtet wurde und im Fuchsbau die Häuser 2, 6 und 10 geräumt wurden, um die Bürgermeisterei, das Versorgungsamt und das Bauamt von Karlshorst, die ihre Arbeitsräume in der Rheinsteinstraße hatten, dort einzurichten. Von 1957 bis zu seinem Tod 1998 wohnte der Oberbürgermeister (1967-1974) von Berlin (Ost), Herbert Fechner, in der Oskarstraße 6.
Nach der Wende bekamen die Bewohner der "Behrenshäuser" die Möglichkeit, die von ihnen bewohnten Einfamilienreihenhäuser zu kaufen. Die meisten Bewohner nahmen dies auch in Anspruch. Nach dem Kauf begann dann die längst fällige Außensanierung der Häuser. Jetzt erfuhren die Bewohner, dass die Häuser unter Denkmalschutz stehen und die Erneuerung nach dem ursprünglichen von Peter Behrens geplanten und erbauten Zustand zu erfolgen habe. Sie nahmen dafür die erhöhten Kosten (trotz Zuschüssen von der Denkmalbehörde) in Kauf. Heute erstrahlen diese Häuser (bis auf einige Ausnahmen) im alten Glanz. Die Mehrfamilienhäuser, die sich noch im Besitz der Wohnungsbaugesellschaft befanden (meist im Fuchsbau), werden jetzt renoviert, umgebaut und verkauft.
Dieser Artikel kann nur einen kleinen Einblick in die Waldsiedlung und speziell zu den "Behrens-Häusern” geben. Die “Geschichtsfreunde Karlshorst, im Kulturring in Berlin e.V.” haben deshalb im Rahmen des Tages des offenen Denkmals in Berlin einen Vortrag und einen Rundgang durch die Behrens-Siedlung organisiert, die Termine finden Sie in diesem Heft.


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