Kulturnews 12/2018

Thomas Sefzig:

Gedanken zur Zeitenwende: Der Fall [der] Mauer

Foto: Ute W.

Fast 30 Jahre ist es nun her. In den Monaten vor dem Fall der Mauer konnten wir alle miterleben, wie sich DDR-Flüchtlinge in die BRD-Botschaften in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei flüchteten. Wir erinnern uns an Gorbatschows Staatsbesuch und wie er Honecker etwas ins Ohr flüsterte, dieser kreidebleich wurde. Es war klar, dass er, seiner Glasnost- und Perestroika-Politik folgend, nicht wie ´53 einschreiten würde, wenn es zu einem Aufstand käme. Die Mauer im Dezember geordnet zu öffnen, stand bereits auf dem Plan, sowohl Schabowski, Momper und Krack wussten davon.
Natürlich war die Wendezeit für viele Menschen in Ost und West sehr aufregend, durchaus begleitet von Ängsten, was da wohl auf uns zukäme – ob die DDR-Führung wohl Schießbefehle erteilen würde. Dann, am 9. November 1989, die Pressekonferenz. Schabowski, dem ein paar aktuelle Informationen fehlten, verhedderte sich – der Rest ist Legende: „Das tritt nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich.“ Eine Stunde später gurkten die ersten Trabbis durch West-Berlin.
Ein Moment der Weltgeschichte, der rund um den Erdball alles auf den Kopf stellte, auch für einige Baumschulenweger Bürger in Ost und West:
Ute W.: „Ich wohnte genau an der Mauer, war an dieses Ding völlig gewöhnt. An dem Tag kam ich von Arbeit und zappte auch mal ins Ost-Fernsehen – und erlebte das live mit. Ich telefonierte mit ein paar Freunden, dann ging‘s raus auf die Straße.“
Die unzähligen, wunderbaren Szenen gingen weltweit durch die Medien. Familien, die sich in die Arme fielen, aber auch Fremde, die sich spontan umarmten und gemeinsam feierten. Und Milliarden Zuschauer hatten Tränen in den Augen. Die Party nahm kein Ende, und auch die Schrecksekunde, als die Ersten auf die Mauer kletterten und darauf tanzten, ging vorüber, ohne dass Schüsse fielen. Dann war klar: Das Ding ist Geschichte, nur mehr eine Schandmal, das nun von den Mauerspechten stückchenweise zerlegt würde. Es gab aber auch einige Menschen, die diesen denkwürdigen Augenblick der Weltgeschichte verpassten.
Ursula H.: „Mein Sohn rief mich morgens an: Du Mama, ich hab‘s verpennt! Ich verstand natürlich gar nicht, was er wollte: Denn zieh dir an und mach, dass de auf Arbeit kommst! Es stellte sich heraus, dass meine gesamte Familie das verpennt hatte!“ Oder Andreas R.: „Ich arbeitete in einer Schlosserei am Köpenicker Bahnhof. Da war jeden Tag dichter Verkehr, rund um die Uhr. Am 10. war da Totenstille, geradezu gruselig. Zur Frühstückspause meinte unser Meister: Denn macht ma Schluss und jeht kucken! Erst da haben wir mitgekriegt, was los war!“

Foto: Ute W.

Ute W.: „Ich arbeitete im Sozialamt. Da sollten wir das Begrüßungsgeld ausgeben, und erstaunlicherweise lief das komplett reibungslos ab. Es war einfach toll, alle hatten ein Strahlen in den Augen, keiner meckerte, weil die Schlange zu lang war. Eine Atmosphäre war das – wie Champagner in der Luft! Und wir hatten alle so ein Gefühl, dass wir bei etwas ganz Großem dabei waren.“
Tatsächlich waren die Auswirkungen gewaltig. Der kalte Krieg war beendet, was für sich genommen schon unglaublich war. Seit dem zweiten Weltkrieg brannte die Luft, man wuchs damit auf, dass diese Demarkationslinie nur durch einen neuen Krieg wegzubekommen wäre, der kalte Krieg irgendwann zu einem Atomkrieg würde – an eine friedliche Lösung, eine unblutige Wiedervereinigung, glaubte wohl niemand so richtig. Die politischen Lager waren entsprechend zerstritten, sicherlich auch überfordert. Während Kohl beim Erhalt der Nachricht kreidebleich wurde, sich dann eiligst zum Wendekanzler ausrief und auf Tempo drängte, wollte die SPD die Wiedervereinigung als langsamen Prozess der Annäherung durchführen. Insbesondere wirtschaftlich war die Herausforderung enorm, niemand hatte ad hoc eine Idee, wie das zu stemmen sein sollte, zumal die DDR-Wirtschaft weitestgehend marode war, technologisch weit hinter der Zeit. Kohl setzte sich durch, der Soli wurde eingeführt, und es begann eine völlig undurchschaubare Ära der Umverteilung durch die Treuhand, deren Höhepunkt der Mord an dessen Chef Rowedder war. Man kann sicher davon ausgehen, dass dabei alte Verbindlichkeiten aus Absprachen glattgestellt wurden, auf beiden Seiten. Spätestens hier war der Champagner in der Luft verschwunden, gefolgt vom Mief einer permanent wachsenden Wut auf Politik und Wirtschaft.
Ich ging 1992 für ein Jahr nach Brasilien, wurde dort angesprochen: „In Alemanha sind wieder Nazis!“, was ich natürlich für Quatsch hielt. Bis ich eine deutsche Zeitung in die Hand bekam und, schwer schockiert, über Hoyerswerda las. In Deutschland wieder Nazis – und das im Osten? Nach Rot kommt wieder Braun? Es schien dann lange so, als ob dies nur ein Intermezzo oder eine Randerscheinung war, auf dem Weg zu einem gemeinsamen, demokratischen Gesamtdeutschland. Allerdings wurde durch Wirtschaft und Politik immer mehr die soziale Schere aufgerissen, deren Folgen wir heute erschüttert sehen müssen: Kinder- und Altersarmut, Arbeitslosigkeit, Chancenlosigkeit für eine immer breiter werdende (Unter-)Schicht, und das in einem der reichsten Länder der Welt. Es ist also kein Wunder, dass die Spaltung Deutschlands nur verlagert wurde, die Mauer durch eine Unzahl von Mauern ersetzt wurde, in den Köpfen und Bäuchen, und sie trennen die Menschen auf unterschiedlichste Arten. Der Sammlungsbewegung Pegida folgt die Sammlungsbewegung der Linken, was aber nur ein stetes Hin und Her bedeutet. Das Fehlen einer Vision, der sich jeder Mensch, jeder Bürger auf natürliche Weise verpflichtet fühlt, ist das eigentliche Problem.
Nächstes Jahr feiern wir den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Hoffentlich gemeinsam, und hoffentlich wird es wieder eine Party, bei der alle mitmachen, sich umarmen. Vielleicht kommt er ja zurück, der Champagnerduft, für alle…


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