Kulturnews 12/2018

Hanno Schult:

Russische und ukrainische Traditionen

Kutja-Verkaufsstand auf einem Weihnachtsmarkt in Lwiw, Foto: Olja Grenjuch, CC BY-SA 3.0

Orthodoxe Neujahrs- und Weihnachtstraditionen in Russland und der Ukraine mit dem höchsten Anteil „rechtgläubiger Christen“ unterscheiden sich nicht nur kalendarisch sehr stark von den Traditionen, Riten und religiösen Gebräuchen der lateinischen Christen. So wirkt sich auch die Spaltung der Christenheit von 1054, das große Schisma, bis heute ganz wesentlich auch auf die Feiertagskultur der orthodoxen Slawen in Osteuropa aus. Der große Reformer in der russischen Geschichte, Peter der Große, erließ 1700 ein neues Kalendergesetz, in dem der „neue“ Jahresbeginn mit dem 1. Januar festgelegt wurde. So fiel zum ersten Mal das Neujahrsfest praktisch, aber nicht kalendarisch, auch mit dem Heiligen Abend am 6. Januar in Russland zusammen. Entscheidend für die umgekehrte Abfolge der Feiertage im Vergleich zur lateinischen Christenheit war der bis 1918 gültige Julianische Kalender, der dem seit dem XVI. Jahrhundert gültigen Gregorianischen Kalender zeitlich um 13 Tage versetzt nachfolgt. Erst 1918, nach dem Sieg der Bolschewiki in der russischen Revolution, wurde auch für Russland und die spätere Sowjetunion der „weltliche“ Gregorianische Kalender zum alleingültigen erklärt. Seit 1991 wurden aber auch wieder religiöse Feiertage, wie das orthodoxe Weihnachtsfest, Teil des staatlichen Feiertagskalenders. Das gleiche gilt auch für die seit 1991 unabhängige Ukraine.
Eine Besonderheit für das Traditionsverständnis von Russen und Ukrainern in der Feiertagskultur zu Neujahr und Weihnachten ist die starke Vermischung von heidnischen mit religiösen Riten und Gebräuchen, wie sie sich zum Beispiel in der Person des „Väterchen Frost“ darstellt, der eigentlich ein Zauberer und Herrscher über den Winter sowie eine Figur der reichen russischen Märchenwelt ist. Der Name des Heiligen Abends in Russland „Sotschelnik“, der aber nicht die Bedeutung wie bei den lateinischen Christen hat, bezieht sich dann, auch der Bedeutung entsprechend, auf eine wichtige kulinarische Festtagsspeise der „Sotschiwo“. Die 40 Tage andauernde Fastenzeit, die am 6. Januar endet, ist Grundlage traditioneller Fastengerichte, in denen Brot und Fisch eine zentrale Rolle spielen. Der Heilige Abend tritt aber bei den orthodoxen Christen Russlands und der Ukraine klar hinter das Neujahrsfest und das wichtigere heilige Osterfest zurück. Als Fest der Familie und traditioneller Gastfreundschaft spielen die kulinarischen Vorbereitungen vor dem Jahreswechsel bis zum Heiligen Abend eine ebenso große Rolle wie die Geschenke unter dem auch uns vertrauten Tannenbaum. Der Besuch von Pateneltern in der Nacht vom 6. zum 7. Januar durch Waisen und andere Kinder sowie das süße „Plätzchenfest“ sind eine andere Besonderheit russischer Festtagskultur, oder auch die ukrainische Kindermaskerade und das traditionelle Weihnachtssingen von „Dumky“ aus dem nationalen Liederschatz.
Was hat es mit der Feier des„alten“ und „neuen“ Jahres am 13. Januar auf sich, dem „Trojkafahren“, dem Eisangeln, dem Eisbaden zu Neujahr, oder den „neuen“ Weihnachtsmärkten, und was bedeuten die 12 Fastenspeisen zum Heiligen Abend? Warum gibt es jetzt in der Ukraine zwei neue staatliche Weihnachtsfeste im Festkalender? Dies und vieles andere mehr können dann alle Interessierten am 14.12.2018 um 15 Uhr im Studio Bildende Kunst in der Lichtenberger John-Sieg-Straße bei Einblicken in die ostslawischen Seelenlandschaften zum Jahresausklang erfahren, erleben und erfragen.


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