Kulturnews 11/2018

Ingo Knechtel:

Dr. Carola Gerlach – 8.5.1943 – 30.9.2018

Foto: Bernhard Korte

Es ist, als wäre es gestern erst gewesen. Wir sagten „Tschüs“, „Bis Bald“ und „klar, komm ich zu den Beratungen der AG Rosa Winkel öfter vorbei“. Es sollte unsere letzte Begegnung sein, als wir uns im Garten der Ernststraße 14-16 anlässlich meines Ausscheidens aus dem aktiven Arbeitsleben Ende Mai trafen. Wir wechselten aufmunternde Worte, hatten schon wieder Ideen für Projekte mit beantragten EU-Geldern. Diesmal war sie nicht per Fahrrad gekommen, das fiel auf, aber Zigaretten waren schnell zur Hand, eigentlich wie immer. Nach kurzer Krankheit ist Dr. Carola Gerlach nunmehr am 30. September gestorben.
Carola Gerlach hatte ich über Prof. Rita Schober kennengelernt. Die bekannte Romanistin stand zugleich dem Berliner Zentrum der Europäischen Kulturgesellschaft (Societé Europénne de Culture - S.E.C.) vor, und Carola Gerlach wurde auf ihre Empfehlung hin Mitglied. Damit kam sie auch gleichzeitig zum Kulturbund, denn der war Träger des Zentrums. Und so kreuzten sich in den Folgejahren unsere Wege öfter. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin war zu DDR-Zeiten leitende Lektorin für Romanistik des Verlages Volk und Welt. Diese Jahre in der DDR reflektierte der Kulturring-Ehrenvorsitzende Dr. Gerhard Schewe, der sie von der Humboldt-Universität kannte, mit den folgenden Zeilen:
„Ich lernte sie Mitte der 1960er Jahre kennen. Sie hatte in Greifswald Romanistik studiert und wechselte dann an das Romanische Institut der Humboldt-Uni. Sie stammte aus Rangsdorf, ihr Vater war Redakteur einer naturwissenschaftlichen Zeitschrift. Sie zog es indessen zur Literatur. Sie promovierte bei Rita Schober über den damals gerade aktuellen ‚nouveau roman’ in Frankreich. Danach folgte der Wechsel zum Verlag Volk und Welt, wo sie das Lektorat Romanistik übernahm. Das waren für sie die interessantesten und produktivsten Jahre ihres Berufslebens. Sie setzte sich nicht nur für die Edition umstrittener französischer Autoren ein, sondern auch für die frankophoner Autoren aus Afrika und der Karibik. Als die Wende kam, hatte sie noch so viele Pläne, die mit der Auflösung des Verlags sämtlich zunichte wurden. Es war ein radikaler Bruch in ihrer Biographie. Als jemand, dessen ‚Marktwert’ gleich null eingestuft wurde, wie sie oft erzählte, hatte sie keine Chance für einen beruflichen Neuanfang.“
Aber den Kopf in den Sand stecken, galt für Carola Gerlach nicht. Sie suchte sich ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt über die jüdische Philosophin, Schriftstellerin und Briefschreiberin des 19. Jahrhunderts, Rahel Varnhagen von Ense, geb. Levin. Nahezu ihre ganze Freizeit widmete diesem Vorhaben.
Seit Mitte der Neunzigerjahre hatte sie sich dann der sich gerade öffnenden Thematik der Verfolgung von Homosexuellen insbesondere in der NS-Zeit zugewandt. Sie gehörte zu den Gründern der Arbeitsgemeinschaft mit dem Namen „Rosa Winkel“ im Kulturring. Im Vereinsvorstand wirkte sie von 2001 bis 2003 mit. Ihr Anliegen war es stets, kontinuierlich an dem Thema weiterzuarbeiten. Sie überprüfte das Erreichte immer kritisch, erweiterte die Thematik auf das lange Zeit vernachlässigte Gebiet der Lesbenverfolgung und -diskriminierung. Unter ihrer Leitung gelang es dem Kulturring, mit den verschiedensten Projekten Menschen zu begeistern, sich dieser Forschungsarbeit anzunehmen. Unnachgiebig gab Carola Gerlach dabei Zielstellung und Tempo vor, forderte von den Mitstreitern Engagement und gab selbst ein Beispiel. Praktisch täglich war sie in Vollzeit im Berliner Landesarchiv in Reinickendorf zu finden. Für ihre herausragende Arbeit wurde sie am 18. Juli 2017 im Roten Rathaus mit der Ehrennadel der Stadt Berlin ausgezeichnet. „Mit Ihrem persönlichen Einsatz haben Sie dazu beigetragen, dass menschliche Zuwendung in der Großstadt Berlin erfahrbar bleibt“, hieß es bei der Würdigung. Ihr enger Mitstreiter Bernd Grünheid umschreibt dies heute mit den Worten: „Für unsere Carola waren es nicht nur das Rosa Winkel-Projekt und die Arbeit als Vorsitzende der AG, für beides hat sie sich bis zuletzt mit aller Kraft eingesetzt, sondern vor allem die einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sie als Teil ihrer Familie betrachtete. Stets suchte sie das persönliche Gespräch mit jedem einzelnen, nahm Anteil an den für manche nicht immer einfachen Lebensbiografien. Es war ihre Menschlichkeit und ihr großes Herz, das den Verlust so furchtbar traurig macht.“
Carola Gerlach bot ihren Gästen oft einen Kaffee an, den Herzkranke (vielleicht) nicht überlebt hätten. Für viele war er aber auch ein Stimulus im übertragenen Sinn, er puschte sie weiterzumachen, er belebte und gab Kraft. Der Kulturring verdankt Carola Gerlach ungeheuer viel. Dazu gehört auch und vor allem die Verpflichtung, in ihrem Sinne unbeirrt weiter zur Thematik zu forschen und die Ergebnisse öffentlich zu zeigen. Wenn uns das gelingt, war Dr. Carola Gerlach für uns alle wegweisend, wird für immer mit ihrer Leistung und ihrer Menschlichkeit Teil unseres kollektiven Gedächtnisses sein.


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