Kulturnews 11/2018

Hanno Schult:

Meister der Verdrängung

Soldat der Roten Armee mit einer Budjonny-Mütze, Foto: Bundesarchiv, Bild 102-00635, CC BY-SA 3.0

Die Deutung der Vergangenheit ist Politik und dient dazu, die Gegenwart zu bestimmen und zukünftige Entwicklungen von Staat und Gesellschaft geschichtspolitisch zu legitimieren.Waren die Große Sozialistische Oktoberrevolution 1917 und der Sieg der Bolschewiki im folgenden Bürgerkrieg 1918-1922 der geschichtspolitische Gründungsmythos der UdSSR bis zu ihrem Ende 1991, so bewegt sich die heutige russische Staatsführung beim Gedenken an dieses welthistorische Ereignis vor 100 Jahren in der geschichtspolitischen Quadratur des Kreises. Beziehen sich runde historische Gedenktage immer auf eine konstruierte Kontinuität, so stehen Revolutionen und Bürgerkriege für historische Brüche am Beginn einer gesellschaftspolitischen Utopie und im Falle Russlands verbunden mit einer in der neueren Geschichte beispiellosen Gewalterfahrung. Russlands staatliche Erinnerungspolitik verdrängt beides: Die Utopie und die Gewalt.
In dieser Erinnerungspolitik gibt es keine Täter, und der Opfer wird nicht gedacht. Sie kennt nur eine Tragödie vom Ende des heiligen Russlands, die wie ein Naturereignis über die damalige Gesellschaft gekommen ist und dem Staat ein Ende bereitete, als deren legitimer Rechtsnachfolger sich die heutige russische Führung um W. Putin betrachtet. So wurden dann die russischen Revolutionen von 1917 in der Regierungserklärung des russischen Präsidenten 2017 auch als Verschwörung ausländischer Ideen und Mächte gebrandmarkt, die die Einheit der Nation zerstört haben und an die die Bürger der russischen Föderation heute nicht mit Stolz gedenken können. Der Bezug zur Gegenwart wird hier besonders deutlich, die durch Angst vor möglichen Revolutionen im eigenen Land und einer Bedrohung von außen, dem nur ein starker russischer Staat, getragen von der Einheit der Nation begegnen kann. Dieses Staatsverständnis speist sich aus der Vergangenheit der Führungselite um den russischen Präsidenten, die ihre soziologischen Wurzeln im sowjetischen Geheimdienst KGB hatten und deren Legitimitätsanspruch nach 1991 und 2000 um die konfessionelle Komponente erweitert wurde sowie um das staatliche Gewaltmonopol auf den beiden Säulen der Macht -Staat und Kirche- dauerhaft zu befestigen.
In allen regelmäßigen Umfragen des bekannten russischen Meinungsforschungsinstitutes Lewada seit dem Jahre 2000 nach den wichtigsten historischen Ereignissen der russischen Geschichte fällt die Wertung der russischen Revolution und des folgenden Bürgerkrieges immer weiter zurück und rangiert gegenwärtig nur noch an 7. Stelle der für wichtig erachteten historisch-vaterländischen Geschichtsereignisse. In der historischen Wahrnehmung der russländischen Bevölkerung werden die Ereignisse vor knapp hundert Jahren 1917-1922 jetzt gleichgesetzt mit den beiden anderen Zäsuren der vaterländischen Geschichte, nämlich den Zeiten der 1. „Smuta“ (Zeit der Wirren ) 1584-1613 und der 3. „Smuta“ 1991-2000 als Folge von Perestroika und dem Staatsversagen nach dem Ende der Sowjetunion.
Die Sehnsucht nach politisch-ökonomischer Stabilität und dem starken Staat muss nicht erst von oben verordnet werden, sondern ist Teil des historischen Gedächtnisses und ein wichtiger psychologischer Faktor in der heutigen russischen Erinnerungskultur. Wie das staatliche Gedenken im heutigen Russland an den Bürgerkrieg praktiziert wird, vor allem in Museen, der Bildung und der medialen Erinnerungskultur sowie der historischen Forschung ist eine der Fragestellungen, die bei einer Veranstaltung des Kulturrings am 26.11.2018 im Studio Bildende Kunst diskutiert werden kann.


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