Kulturnews 10/2018

Thomas Sefzig:

Zeitgenössische Betrachtung: Leonhard Frank

Am 18. August 1961 starb er, fünf Tage nach dem Bau der Berliner Mauer. Wie mag er das wohl wahrgenommen haben, als altgedienter und kämpferischer Pazifist? Immerhin bildete dieser Tag den Auftakt zum kalten Krieg der zweiten Instanz, der trotz aller Bemühungen immer wieder schärfer und gefährlicher wurde, bis er 1989 endlich endete.
Es muss ihn in die Verzweiflung getrieben haben zu sehen, wie die Menschen immer wieder die gleichen Fehler machen. Er, der zwei Weltkriege überstanden hat, schon den ersten anprangerte und dafür bereits mit Repressalien überzogen wurde. So wurde er beim Münchner Aufstand (Räte-Republik) verletzt, sein Buch „Der Mensch ist gut“ wurde verboten. 1933 wurden seine Bücher verbrannt, er musste ins Exil nach Frankreich. Dort holte ihn die Wehrmacht ein, was zu einer Odyssee durch die feindlichen Linien nach Marseille führte, aber noch längst keine Sicherheit bedeutete. Bis in die USA spülte ihn sein Schicksal, wo er als „gefährlicher Kommunist“ wieder unter Druck stand, diesmal durch das FBI. Dieses ließ ihn auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland nicht vom Haken, wo er trotz vieler Ehrungen, bis hin zum großen Verdienstkreuz, nur unter Mühen veröffentlichen konnte.
Was macht einen Mann so gefährlich, wenn er Frieden und Freiheit propagiert? Und für wen ist er eine Gefahr?
Nach den Grauen in den fernen Schützengräben des 1. Weltkrieges, mit Gasangriffen und unvorstellbar blutigen Großoffensiven, kam der Bombenkrieg des 2.Weltkrieges, der erstmals jegliche Sicherheit fernab der Front vernichtete – die Luftmine im Wohnzimmer. Dann die Atombombe. Wie fühlt man, wenn man in einer Reihe steht mit Pazifisten, wie Einstein, Schweizer, selbst – und ganz besonders – Oppenheimer, und zusehen muss, wie die Machteliten der Welt immer wieder den Krieg zum Geschäft machen und der nächste Weltkrieg quasi unausweichlich scheint?
Heute leben wir in der längsten friedlichen europäischen Epoche, seit die Römer bei uns aufmarschierten. in einer der längsten Friedensepochen in der Mitte Europas. Wir sollten das nicht nur genießen, sondern alles dafür tun, dass es so bleibt. Allerdings stehen die Zeichen der Zeit dafür nicht gerade gut. Wieder gibt es Hetze, Aufrüstung, Kriege an allen Ecken und Enden der Welt, wieder stehen deutsche Soldaten an allen möglichen, weltweiten Brennpunkten, und wieder werden deutsche Waffen in aller Welt gehandelt, sogar in Lizenz produziert. All das steht dem Geist unseres Grundgesetzes entgegen, und die breite Mehrheit der Deutschen hat sicherlich kein Interesse daran, seine Söhne und nun auch Töchter an irgendeiner Front verheizt zu sehen. Sie verlässt sich dabei auf die ewige Beschwörungsformel, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen darf. Wir schulden es unseren Vordenkern wie Leonhard Frank, ihre Mahnungen zu befolgen und die Welt zu einem friedlichen Ort zu machen. Die ewigen Kriegstreiber, Rassisten, religiösen Eiferer in Schach zu halten, ihnen Paroli zu bieten. Ein Paradigma zu schaffen, das jedem Menschen auf der Welt ein würdiges und friedliches Leben ermöglicht.
Naivität wurde Leonard Frank unter anderem auch vorgeworfen, seitens Ulrich Dietzel, aus DDR-sozialistischer Perspektive. Wobei sich die Frage stellt, ob eine gewisse Naivität nicht notwendig ist, um die Welt, die wir geschaffen haben und die sich stets und stetig am Abgrund bewegt, zu verbessern? Wenn man den Mächtigen so auf die Füße tritt, dass sie nebst Repressalien eine Naivitäts-Polemik ins Feld führen, hat man zumindest insoweit gewonnen, als dass sie ihre Angst zeigen. Man hat also schon mal etwas richtig gemacht – „Ein Schuft, der Böses dabei denkt!“
„Wem Recht schaffende Bosheit aus den Augen strahlt, qualifiziert sich für bestimmte Jobs sicherer als jemand, der lediglich mit offenem Blick naiv dreinschaut.“ (Christa Schyboll)
„Der Mensch ist gut“ hat bis in unsere Zeit Gültigkeit. Selbst der idealistisch-naive Schluss, wenn Karl Liebknecht den Erfolg der Revolution verkündet, findet Entsprechungen. Zumindest in den feuchten Träumen diverser Bewegungen oder einzelner Bürger. Dies resultiert wohl aus dem Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber unserem lobbygesteuerten Demokratismus. Wirklichen Einfluss kann der Bürger nicht nehmen – Augen zu und durch ist die Devise. Was allerdings den extremen Lagern in die Hände spielt, derzeit dem rechten. „Naivität bedarf einer besonderen Reife“ (Martin Gerhard Reisenberg)
Für eine reife Gesellschaft bedarf es aber der Aufklärung, ebenso wie einer grundsätzlichen, persönlichen Lebensplanungssicherheit. Hierin allerdings ist die Bundesrepublik Deutschland bereits schwer unterminiert, und so findet sich wieder ein Prekariat, wie es bereits mit Begeisterung in den ersten wie auch den zweiten Weltkrieg zog, sich gleichermaßen von der Propaganda Wilhelms II. wie auch Adolf Hitlers instrumentalisieren ließ. Man muss nun also nicht abwarten, bis es wieder einen Vater, eine Mutter, ein Liebespaar oder Kriegskrüppel gibt, die eine Revolution anzetteln. Man kann sich dem bereits im Vorfeld entgegenstellen und mit einer friedlichen, demokratisch geprägten Revolution gegen das gierige Establishment angehen. Für eine friedliche, gleichberechtigte Welt. Ganz idealistisch, ganz naiv.
Wir konnten den Schauspieler Alexander Bandilla gewinnen, zwei Erzählungen aus „Der Mensch ins gut“ für uns zu lesen. Dienstag, 23. Oktober 2018, wie immer um 19 Uhr.


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