Kulturnews 09/2018

Inge Gräber, Gerhard Zaucker:

Die Lange Nacht der Bilder – Lichtenberg 2018

Ferienkunstspiele, 2015, Foto: Jugendkunstschule Lichtenberg

Zum elften Mal findet am 14. September von 18 bis 24 Uhr die Lange Nacht der Bilder in Berlin-Lichtenberg statt, veranstaltet vom Bezirksamt Lichtenberg in Zusammenarbeit mit dem Kulturring in Berlin e.V.. Lichtenberg ist inzwischen ein sehr heterogener Bezirk, bestehend aus zehn Ortsteilen, die im Laufe der Zeit fusioniert sind. Die „Lange Nacht“ hat den Anspruch, einen Querschnitt durch das Kunstleben, speziell der Bildenden Kunst, dieses Bezirks zu zeigen und dem Betrachter zugänglich zu machen. Und das ist in der Tat vielfältig, reichhaltig, auf den unterschiedlichsten Niveaus, Ansprüchen und Bedingungen. Doch der Reihe nach!
Da sind einmal die kommunalen Galerien und Schauräume, beginnend im Norden mit dem „Studio im Hochhaus“. Wer die Zingster Straße stadtauswärts fährt, käme nie auf den Gedanken, in einer ehemaligen DDR-Hochhausplatte im Erdgeschoss eine ambitionierte Galerie zu finden. Wechselnde Ausstellungen von freier Malerei, Installation, von Video bis Architektur werden hier präsentiert, zur Langen Nacht Malerei und cut outs von Jesper Dyrehauge und Birgit Hölmer.
Weiter im Süden, in der Oberseestraße, befindet sich das „Mies van der Rohe Haus“, ein Kleinod des weltberühmten Architekten, ein Bungalow, der sich zum Obersee hin öffnet mit einem weitläufigen Garten. Mariko Takagi zeigt hier Zeichnungen, Installationen und Texte.
Um die Ecke befindet sich die „Galerie 100“, und im Rathhaus in der Möllendorfstraße zeigt die „rk-Galerie“ neun Künstler zum Thema „Sozialer Raum der Stadt“ mit Künstlergesprächen und elektronischer Musik.
Für die Ausstellung im Café des Stadthauses in der Victoriastadt hat das Kunstamt einen Wettbewerb veranstaltet und Nelson Jamal ausgewählt, um seine Arbeiten zu präsentieren. Sie reichen von Zeichnungen über Wandbilder bis hin zu Animationsfilmen.
Ein anderer Schwerpunkt im Lichtenberger Kunstbetrieb sind die Vereine und Institutionen. Im Zentrum die vom Kulturring betriebene „Villa Skupin“ in der John-Sieg-Straße 13 mit ihren diversen Aktivitäten und Gruppen. Hier finden Kindermalkurse statt, die großen Anklang finden. Man muss es einmal gesehen haben, wie Kinder im Vorschulalter voller Begeisterung an der Staffelei stehen und mit ein paar Strichen und Klecksen ganze Welten entstehen lassen. Die kindliche, unverstellte, reine Spontaneität darf sich hier Raum geben. Unter den kompetenten Augen einer Kunstpädagogin können die Kinder ihre Phantasie und Weltsicht zur Darstellung bringen und mit sich selbst und anderen in Dialog treten. Im selben Gebäude treffen sich auch regelmäßig Erwachsene unterschiedlicher Altersstufen zum Malen und Zeichnen. Dort befindet sich auch das Graphik-Collegium mit einer Werkstatt, und im Erdgeschoss lädt eine Galerie ein, in der Künstler der Kunsthochschule Weißensee ebenso zu Gast sind wie in- und ausländische Kunstschaffende. Zur „Langen Nacht“ finden hier Mitmachaktionen, diverse Auststellungen sowie Gesprächsrunden und Musikveranstaltungen statt.
Wir freuen uns sehr, dass sich auch die Kirchen wieder an der „Langen Nacht“ beteiligen. In der „Kapelle auf dem städtischen Friedhof“ an der Gärtnerstraße wird eine Lichtinstallation von Ursula Wagener zu sehen sein, die diesen ummauert entlegenen Ort mitten im Stadtgetriebe in einen metaphysisch behauchten Kosmos verwandelt. In Karlshorst in der „Kirche zur Frohen Botschaft“ sehen wir Acrylbilder von Ulrich Seutter, die in ihrer Farbraumwirkung faszinieren. Elvira Kübler wird um 18.30 und 20.15 Uhr die Veranstaltung durch ihren Gesang stimmungsvoll verzaubern.
Im Zentrum von Lichtenberg, in der Möllendorfstraße, in der fast tausendjährigen alten Pfarrkirche aus Naturstein, wird M.O. Freiberg seine Fotografien zeigen. Zudem ist eine Installation zu sehen und ein musikalisches Rahmenprogramm soll es ebenso geben, wie ein fröhliches Grillfest auf der Wiese.
Ein ganz besonderer Block sind wieder die Atelierhäuser, worüber Lichtenberg außerordentlich erfreut und stolz ist, denn in diesen Labors und Ateliers wird die Kunst von morgen entwickelt. Es gibt mehrere große Komplexe dieser Art: In der Genslerstraße, in einem ehemaligen Stasi-Bürohaus, haben sich ca. 30 Künstler zur „Langen Nacht“ angemeldet, die dazu ihre Ateliers öffnen und den Besuchern die Möglichkeit zur Schau und zum persönlichen Gespräch geben. Ganz ähnlich die Ateliers in der Herzbergstraße 55 (HB 55). Die teilweise kleinen Ateliers von zehn bis zwölf Quadratmeter haben etwas Zellenhaftes, und der Gedanke an mönchisches Leben liegt nicht fern. Viele junge Leute, Studenten, sind hier aktiv, aber auch arrivierte Künstler nutzen die Räume als Atelier. Es sind Brutstätten des Unfertigen, gerade Entstandenes ist zu sehen, noch nie Gezeigtes, Rohmasse, Wegweisendes, Verworfenes, eine Alchimistenküche ganz eigener Provenienz.

oben: Eis, Zeichnung, unten: Manual 3, Zeichnung | okazi gallery, Abb.: Helena Hernández

Wer etwas mehr wissen will über die Kunst, etwas, das über das „Endprodukt“ im Museum hinausreicht, der ist hier richtig. Hier ist noch Hexenküche, hier riecht und klirrt es noch; nicht die Sterilität einer Highend-Galerie oder eines Museum of Modern Art. Da wollen alle hin, gewiss, und einer von hundert wird es auch schaffen; auch diese Stimmung liegt hier in der unvergorenen Luft.
Zwei andere Atelierhäuser, die „Alte Gießerei“ und die Herzbergstraße 53 („Kulturbotschaft“) bedienen sich der Idee des Kollektivs als Arbeitszusammenhang. Hier steht der Kooperationsgedanke im Vordergrund. Ganz andere Charaktere sind hier zu finden. Speziell in der Kulturbotschaft, in die sich einige Tacheles-Aktivisten gerettet zu haben scheinen, wird am Gesamtkunstwerk gebaut. Hier gibt es keine Einzelzellen, nichts Mönchisches, hier entwickeln sich Hierarchien ganz direkt oder gar nicht. Ein Stockwerk besteht aus einem Raum, jeder kann etwas hinzufügen zum Gesamtwerk. Die Signatur der Werke hat hier weniger Bedeutung oder ist gar verpönt.
Passend zum Arbeitsprozess ist hier das Umfeld, ein riesiges Gewerbegebiet von gefühlten mehreren Quadratkilometern. Hier wohnt man nicht, hier wird gearbeitet. Als Nahraumversorgung gibt es zwei sehr coole „Kantinen“. In der HB 55 und den Studios ID in der Genslerstraße. Zumindest die in der HB 55 wird auch in der „Langen Nacht“ geöffnet sein.
Die Künstler vom Lockkunst e.V. mit ihrer BLO Ateliergemeinschaft bevölkern das alte Reichsbahngelände am Ende der Kaskelstraße 55. Es handelt sich um einen weitläufigen Komplex aus kleinen bis mittleren Backsteinbauten, in denen ca. 50 Künstler ihre Ateliers und Schauräume eingerichtet haben. Neun von ihnen nehmen mit Zeichnungen an der „Langen Nacht“ teil, sowie mit Installationen, Videos, Malerei, Enkaustik, Feuer- und Lichtshow. Die BLO Ateliers haben sich inzwischen ein internationales Renomée erarbeitet und veranstalten selbst Festivals und Kunstevents.
Parallel zur Herzbergstraße verläuft die Josef-Orlopp-Straße. Hier, in der Nr. 92, hat sich der Künstler Reiner Poser eingerichtet. Er ist sozusagen ein Ein-Mann-Kollektiv. In seiner riesigen Atelier-Werkstatt findet ein permanenter Materialverwertungsprozess statt. Fundstücke und Produziertes fügt er zu neuen Objekten, Skulpturen und Materialbildern zusammen. Es gibt kaum ein Material, das Reiner Poser nicht verwendet. Holz, Metall, Plastik, Stoffe, alles wird unter seinen Händen und seinem genialen Geist konzipiert und verwandelt sich in Kunst. Seine kommunikativen Fähigkeiten machen es dem Besucher leicht, in ein Gespräch zu finden über Kunst, Kreativität und die Freuden des Findens und Schaffens.
Und damit sind wir auch schon, last but not least, bei den kleineren Formaten angelangt, den privaten Galerien, Einzelkünstlern, Initiativen und temporären Verbindungen: Bei den Familienbetrieben und Einzelunternehmern. Eine wichtige, lebendig-innovative, sprühende „Abteilung“ der Lichtenberger Kunstwelt. Da ist die Buchhandlung Paul & Paula in der Pfarrstraße 121, in deren Räumen neben Lesungen auch Kunstausstellungen stattfinden. Dieses Jahr sogar beides gleichzeitig, denn der Comiczeichner Andereas Meier stellt sein neues Comic-Buch „Tempelhoven“ vor und liest daraus. Gleichzeitig präsentiert er seine Zeichnungen. Um die Ecke, in der Türrschmidtstraße, befindet sich die Galerie Okazi und die Galerie in der Victoriastadt. Letztere hat sich auf Textilkunst spezialisiert und ist oft auf Messen unterwegs. Die Galeristin und Künstlerin Natalie Wolters zeigt Werke von 52 Textilkünstlern und -künstlerinnen und auch eigene Arbeiten. Bei Okazi sehen wir Zeichnungen von Helena Hernández, die in der Logik einer Gebrauchsanweisung Lösungsansätze für problematische Lebenslagen bietet. Ebenfalls in der Victoriastadt finden wir das Atelier Torsten Brill, der sich auf airbrush konzentriert. Hier können wir dem Künstler bei der Arbeit über die Schulter schauen. Torsten Brill ist sehr daran interessiert, mit Gleichgesinnten oder Neugierigen über sein Metier und dessen Möglichkeiten ins Gespräch zu kommen.
Im Ortsteil Rummelsburg, gleich nebenan, befindet sich die Galerie des Berliner Baugewerbes. Dort versammelt die Künstlerin und Kuratorin Helga Schönfeldt einige ihrer Kolleginnen und Kollegen zu einer Ausstellung von Malerei, Bildhauerei und Grafik. Die Galerie Potpourri in der Lückstraße 44 zeigt Bilder und Skulpturen von Mathiesson. In der Galerie OstArt, in der Giselastraße 12, wird unter dem Titel „Figuren und Figurinen“ an ein bereits verstorbenes Künstlerehepaar erinnert, Marianne Kühn-Berger und Kurt-Hermann Kühn. Sie gehörten zur ersten DDR-Künstlergeneration. Ihr Sohn, Andreas Kühn, präsentiert ein Video (20 Uhr) zu Leben und Werk der beiden Künstler.
Schauen Sie bitte in unsere Broschüre zur „Langen Nacht der Bilder“, dort sind noch weitere Veranstaltungsorte, Aktionen, Events und Informationen zu finden.


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