Kulturnews 07/2018

Marita Waibel:

DENK MAL AM ORT

Atelier Bergmann, Foto: Douglas Nygren

Freitag, 4.5.2018, 18:00 Uhr
Tische und Stühle stehen draußen vor dem Atelier Bergmann. Die Sonne scheint. Es ist alles vorbereitet. Das Buffet ist aufgebaut, die Getränke stehen bereit. Die Protagonisten der nächsten zwei Tage treffen sich in der Merseburger Str. 12 in Berlin-Schöneberg.
Das Projekt geht zurück auf die Initiative OPEN JEWISH HOMES der Niederländerin Denise Citroen: „Every house has a story to tell and it is good to shed more light on this once a year.” (Jedes Haus hat eine Geschichte zu erzählen, und es ist gut, dies einmal im Jahr stärker ins Licht zu rücken.) Gemeinsam mit dem Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam hat Denise Citroen das Projekt Open Jewish Homes 2012 ins Leben gerufen.
Marie Rolshoven, Jani Pietsch und Florian Voß haben das Projekt 2016 von Amsterdam nach Berlin geholt und die Erinnerung auf alle Menschen erweitert, die von den Nazis verfolgt wurden. Zur Einstimmung auf das intensive Wochenende treffen sich die unterschiedlichsten Akteure zum Fest im Atelier der Jani Pietsch. In 28 verschiedenen Aktionen, Lesungen, Gesprächen, Filmen, Installationen vor Ort und am Ort wird gezeigt, wie wichtig es ist, einen offenen und kreativen Umgang mit der Geschichte zu entwickeln.
Ich helfe, indem ich den ungefähr vierzig Gästen Getränke anbiete und dafür sorge, dass sie zu essen bekommen und spüren, dass sie willkommen sind. Niederländische, englische, schwedische, amerikanische Stimmen lachen, reden, ernsthaft engagiert, dazu gibt es Fingerfood, eingelegtes Gemüse, Humus, Brot und andere Köstlichkeiten.
Es wird schnell klar, das Projekt ist wieder gewachsen, noch mehr Menschen möchten mitmachen, öffnen ihre Wohnungen, Keller, Höfe, Theater, um am Ort zu gedenken, jeder auf seine Weise, mit Lesungen, Gesprächen, Installationen, Gesängen, Ausstellungen.

Samstag, 5.5.18, 11:00 Uhr
Der Schauspieler Oliver Dupont und der ehemalige Intendant Jürgen Wölffer eröffnen DENK MAL AM ORT im Foyer der Komödie am Kurfürstendamm.
Die Gäste kommen erwartungsvoll ins Theater, schauen sich die Fotoausstellung „Ein Jahrhundert Komödie am Kurfürstendamm“ an und werden durch DENK MAL AM ORT an den Theatermacher Max Reinhardt erinnert. Oliver Dupont liest Texte und zitiert Max Reinhardt mit dem Satz: „Es gibt nur einen Zweck des Theaters, das Theater.“
Dr. Bärbel Reißmann von der Stiftung Stadtmuseum Berlin erinnert an den 1878 bei Wien geborenen Max Goldmann, der sich Max Reinhardt nannte, schnell erfolgreich wurde und Theatergeschichte schrieb. Die Flucht vor den Nazis brachte ihn schlussendlich nach New York, wo er 1943 verarmt und desillusioniert starb. Über den Architekten Oskar Kaufmann, der die Komödie am Kurfürstendamm 1922-24 im Auftrag von Max Reinhardt errichtete, spricht Dipl. Ing. Kathrin Fuld, M. Sc. (Architektur – Denkmalpflege – Bauforschung).

Kathrin Fuld und Oliver Dupont, Foto: Douglas Nygren

Sonntag, 6.5.18, 13:00 Uhr
Marie Rolshoven hat ihre Wohnung geöffnet. Unter der Decke hängen Schnüre, an denen Lebensläufe von neun verschiedenen jüdischen Menschen zu lesen sind, die in ihrer Wohnung gelebt haben, sowie Vermögenserklärungen und anderes Archivmaterial der Nazis. Das rote Sofa steht an der Wand. Ich würde mich am liebsten hinsetzen und ausruhen von den Erinnerungen.
DENK MAL AM ORT hat sich weiterentwickelt. Immer mehr Menschen interessieren und engagieren sich. Von 28 Veranstaltungen an zwei Tagen habe ich mir sechs ausgesucht.
Am 6. Mai um 14:00 Uhr fand in der alten Verwaltungsbibliothek im Rathaus Schöneberg eine weitere davon statt. Roswitha Baumeister arbeitet seit 30 Jahren am Projekt „Jüdisches Leben in Berlin Schöneberg“ mit und ist eine der Ansprechpartnerinnen für die Ausstellung WIR WAREN NACHBARN.
Silke Struck, Politologin und Historikerin, hat die Biografie von Cora Berliner (1890-1942) auf der Grundlage des biografischen Albums in der Ausstellung WIR WAREN NACHBARN für DENK MAL AM ORT weiter erforscht und vorgestellt. Cora Berliner war Wirtschaftswissenschaftlerin, Professorin, Regierungsrätin und führende Mitarbeiterin der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland; eine engagierte Frau, die von 1916-1919 im Rathaus Schöneberg arbeitete und im Zimmer hinter der Tür mit der Nr. 105 saß. Zusätzlich stellt Silke Struck den Erfinder, Sammler & Baustadtrat Adolf Schiller (1861-1943) vor.
Während die Komödie am Kurfürstendamm nur einmalig an der Aktion DENK MAL AM ORT teilnehmen konnte, weil sie ab Ende Mai endgültig geschlossen und abgerissen wird, bleibt Max Reinhardt im Bewusstsein. Ich fühle mich beschenkt vom Vermächtnis der Erinnerung und davon, sie mit anderen teilen zu können und zu dürfen.
Um 18:30 Uhr ist es dann so weit. Viele der Beteiligten treffen sich noch einmal im Atelier der Jani Pietsch, stoßen erleichtert und froh über das Erlebte an, essen Pizza und Oliven und reden, erzählen und lachen miteinander. Das geschieht also, wenn Erinnerung mit Herz und Verstand gelebt wird. Ich fühle mich leicht und nicht mehr so verlassen.
DENK MAL AM ORT ist eine beeindruckende Idee, die klein daherkommt und sich langsam aber sicher weiterentwickelt, von ungefähr 500 BesucherInnen im ersten Jahr auf über 1000 aus der ganzen Welt im Jahr 2018 in Berlin. Danke an Denise Citroen, Jani Pietsch, Marie Rolshoven und alle Beteiligten! „Wenn ihr Hilfe braucht, sagt einfach Bescheid.“
Weitere Infos: www.denkmalamort.de


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