Kulturnews 07/2018

Christine Roßberg:

„Mut ist nichts anderes als Angst, die man nicht zeigt“ (Sprichwort)

Draußen ist es kalt. Nur wenige Passagiere sitzen im Bus. Aber die Luft hier ist wie elektrisch aufgeladen, die Atmosphäre gefährlich angespannt. Die junge dunkelhäutige Mutter drückt sich in die Fensterecke der Sitzbank, ihr kleines Kind klammert sich ängstlich an ihren Hals. Die drei Jugendlichen gegenüber mustern sie grinsend, stoßen sich gegenseitig an und ziehen hämisch lachend und keineswegs leise über sie her.
„Was will die Schwarze hier; Niggerin, soll in ihr Kaff zurückfliegen. Wir brauchen keine Ausländer, die haben bei uns nichts zu suchen ...“
Die wenigen Mitfahrenden blicken angestrengt aus dem Fenster, tun unbeteiligt. Auch der Busfahrer merkt nichts von dem, was sich hinter ihm anbahnt.
Die ältere Frau auf einem Sitzplatz in der Nähe hat den Kopf geneigt, zuckt bei den lauten Bemerkungen der Jugendlichen zusammen. Die junge Mutter tut ihr leid, aber sie fürchtet sich vor den Fäusten der Jugendlichen und ihren tückischen Mienen.
Hat sie nicht schon einmal eine ähnliche Situation erlebt? Es ist schon sehr lange her, und sie hat das schmerzliche Erlebnis seitdem verdrängt. Aber die Erinnerung wird auf einmal übermächtig.
Sie sieht sich auf dem Schulhof stehen, hat den Rücken gestrafft und steht fast auf den Zehenspitzen, um gegenüber den beiden Jungen aus einer anderen Klasse größer zu wirken.
„Lasst Hanna in Ruhe, sie ist meine Freundin!“ Schützend legt sie den Arm um das dunkelhaarige Mädchen neben sich. Die Jungen schütteln die Kleine, so dass sie fast auf den Schulhof stürzt. „Deine Freundin ist eine Jüdin, die hat nichts bei uns Deutschen zu suchen! Juden sind hinterhältig und faul, sie nehmen den Deutschen ihr Geld weg ...“.
„Aber doch nicht Hanna!“ ruft sie und schiebt die Freundin hinter sich. „Na, du Judenfreundin, dann pass mal auf, dass dir nicht bald mal was Schlimmes passiert!“ Die Jungen kommen noch näher und drohen ihr mit der Faust.
Sie blickt sich nach dem aufsichtführenden Lehrer um, aber der schaut weg. Die Pausenglocke erlöst sie aus der angespannten Situation.
Nach der Schule will sie die völlig verstörte Freundin nach Haus bringen, aber Hanna läuft schon davon, sie kann sie nicht einholen.
Zu Hause berichtet sie atemlos ihrer Mutter von dem Vorfall. „Die Jungen waren viel größer und stärker als ich. Aber ich wollte nicht, dass sie Hanna wehtun. Eigentlich hatte ich Angst vor ihnen, aber dann habe ich nur noch an Hanna gedacht, die viel kleiner ist als ich. Die Jungen haben gesagt, sie sei eine Jüdin. Was bedeutet das?“
Ihre Mutter nimmt sie in die Arme. „Höre nicht auf so einen Unsinn! Hanna und ihre Familie sind Deutsche, wie wir auch! Früher gehörten ihre Vorfahren zu dem Volke der Juden, aber das ist lange her. Sieh mal, unser guter Doktor Kohn oder der Kaufmann unten an der Ecke, das sind doch sehr gute Menschen. Hör‘ einfach nicht hin, wenn wieder jemand so ein dummes Zeug behauptet!“
Das Mädchen ist beruhigt. Nach den Schularbeiten läuft sie zu Hannas Wohnung. Hannas Mutter öffnet ihr die Tür. Sie sieht sehr blass und besorgt aus. Auf der Diele stehen Koffer, manche schon vollgepackt mit Kleidern. Hanna kommt aus einem Zimmer gestürzt und fällt ihr weinend um den Hals. „Wir müssen verreisen, noch heute. Ich weiß nicht mal, wohin wir fahren. Ich schreibe dir bestimmt, wenn wir angekommen sind! Vergisst du mich auch nicht?“
Die Erinnerung überwältigt die alte Frau. Sie wischt sich die Tränen ab, die ihr ungewollt über die Wangen laufen. Sie hat nie Post von Hanna bekommen und nie erfahren, ob sie und ihre Familie sich noch ins Ausland retten konnten. Der Schmerz über den Verlust der Freundin und die spätere Erkenntnis über den furchtbaren Irrtum, dem die Mutter und manch andere Deutsche in unfassbarer Naivität unterlagen, hat sie viele Jahre lang verfolgt. Sie war überzeugt, dass die Menschen aus diesen Erfahrungen gelernt hätten. Schwer genug hatten sie ja büßen müssen.
Sie hebt den Kopf, als das kleine Kind am Hals der Mutter ängstlich zu weinen beginnt, weil die jungen Männer drohend immer näher kommen. Und sie spürt keine Angst, als sie sich neben Mutter und Kind stellt und fragt: „Was hat sie euch getan? Lasst sie in Ruhe!“
„Alte, misch dich nicht ein, das hier geht dich nichts an!“ schimpft einer der drei und stößt sie zur Seite. Sie stürzt zu Boden. Nun schreien auch die anderen Fahrgäste, so dass der Busfahrer erschrocken auf die Bremse tritt. Der Schmerz im Arm lässt sie aufstöhnen, aber sie sieht, dass die Randalierer fluchtartig den Bus verlassen. Der Mutter und ihrem Kind ist nichts geschehen. „Sie waren viel stärker als ich“, denkt sie, „aber ich hatte plötzlich gar keine Angst“. Und staunt fast über sich selber.

Zur Person der Autorin:

Foto: Volkssolidarität Berlin

Dr. Christine Roßberg, Jahrgang 1934, war Krankenschwester, studierte Medizin und war viele Jahre praktizierende Ärztin in Berlin-Friedrichsfelde. Dazu gründete sie den „Chor der fröhlichen Rentner“, den sie 44 Jahre leitete und in dem sie heute noch mitsingt. 12 Jahre arbeitete sie auch ehrenamtlich als Landesvorsitzende der „Volkssolidarität“ Berlin. Sie veröffentlichte viele selbst geschriebene Texte im „Wortspiegel“, der Zeitschrift für Schreibgruppen und Schreibinteressierte. Seit drei Jahren ist sie auch Mitglied der „Schreibwerkstatt Friedrichsfelde“ im Kulturring in Berlin e.V., in deren Rahmen auch der vorliegende Text entstand.


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