Kulturnews 06/2018

Volkhard Böhm:

Experiment Druckgraphik

o.T., Farblithographie, 2017, 4-4, 27 x 32 cm, Foto: Carolin Bernhofer

Die Förderung und Propagierung der bildkünstlerischen Technik der Druckgraphik ist ein Ziel, welches das Graphik-Collegium Berlin e.V. generell und hier speziell mit der Ausstellung der Graphiken von Carolin Bernhofer (Deutschland), Marta Djourina (Bulgarien) und Ahmed Ramadan (Syrien) exemplarisch verfolgt. Mit dem Ausstellungsprojekt „Experiment Druckgraphik“ will der Verein gerade jungen, angehenden bildenden Künstlern, die noch an einer Berliner Kunsthochschule, der Universität der Künste, studieren, eine Ausstellungsmöglichkeit einräumen, in der sie sich z.T. erstmalig mit ihrer Kunst einem breiten Publikum präsentieren können.
Ausgewählt wurden ganz bewusst drei angehende KünstlerInnen aus drei Ländern und mit ganz unterschiedlichen Biographien. Die Ausstellung ist ein „Experiment“ im mehrfachen Sinne. Eine Ausstellung mit dem Schwerpunkt Druckgraphik ist in der heutigen Kunstszene in Deutschland alleine schon ein Experiment. Hinzu kommt eine unverstellte, experimentelle Herangehensweise an das Medium Druckgraphik durch die drei KünstlerInnen, hier konzentriert auf die Technik der Lithographie, in der aber auch die unterschiedlichen Lebenserfahrungen sowie die Erfahrungen aus verschiedenen Kulturkreisen thematisch und formal einfließen.
Carolin Bernhofer, geboren 1986 in Traunstein, studiert seit 2013 an der UdK. Ihre Bilder beziehen ihre Spannung und Ausdruckskraft aus der Kombination von graphischen und malerischen Bildelementen, von dynamischer, einfarbiger Zeichnung und beruhigten, farbigen Flächen. Variable Muster, Raster durch elementare Formen wie Linien, Vierecke, Quader, aber auch skripturale Elemente, Chiffren, ähnlich Ziffern oder Buchstaben prägen diese Bilder. Sowohl die Muster, als auch die geometrischen Systeme obliegen keinen starren Vorgaben. Das ermöglicht die Entstehung von neuen, visuellen Bildfindungen, die nicht statisch sind, sondern die Kapazität haben, sich ständig zu verändern. Flüchtigkeit und Beständigkeit als Lebenserfahrungen sind so diesen Bildern immanent, die dadurch auch Kraftfelder für vielfältige Wirklichkeitserfahrungen, von Aufbrüchen und Ankommen sein können.
Marta Djourina, geboren 1991 in Sofia/Bulgarien, studiert seit 2012 an der UdK. Fotografische Bilderfahrungen bilden die Grundlagen im graphischen Schaffen der Künstlerin. Das Licht wird malerisches Mittel im diffusen Wechsel von Licht und Schatten in den stark abstrahierten, lyrisch-meditativen Bildern. So entstehen einzigartige Bilder, in denen der flüchtige Moment im Vergehen und Aufscheinen des Lichtes lyrisch festgehalten ist. Dabei verdichtet sie diese Farb- und Formmodulationen entweder zu plastisch-reliefartigen amorphen oder biomorphen Flächenornamenten, ähnlich geographischer Landschaftsformen, Erde, Gebirge, Wasser, Wellen, Gestirne oder zu imaginären Räumlichkeiten. Die Flüchtigkeit des Lichts steht in Kontrast aber auch in der Korrespondenz mit strukturierter fester Räumlichkeit.

Ahmed Ramadan, geboren 1988 in Tartous in Syrien, studiert seit 2012 an der UdK. „Die hautnahe Erfahrung von Unmenschlichkeit war für mich eine Zäsur. Dieses Erlebnis, die Situation in Syrien und mein Leben in Deutschland prägen meine Arbeit. Gewalt, Heimatverlust, Flucht und Zerstörung sind die Themen, mit denen ich mich seither auseinandersetze.“ (A.R.) So verarbeitet der Künstler in vielen seiner Bilder und Graphiken seine unmittelbaren Lebenserfahrungen von Gefangenschaft, Folter und Flucht, oft düster und unmittelbar in abstrakten Bildern von Vergehen und dem Verschwinden allen Gegenständlichen, oder in Bildcollagen in denen er Erinnerungen und Gegenwart verschmilzt, Schrift und Bild kombiniert. Dabei untersucht er vor allem in seinen druckgraphischen Arbeiten den durch Emigration und Migration gekennzeichneten Teil seines Lebens hin zu einem Zuhause-Gefühl. Vor allem in den auf alten Fotografien basierenden Lithographien beschreibt er durch fortschreitendes Wegschleifen, gleichsam Wegradieren einzelner Menschen oder Gebäude den Verlust von Heimat, Familie, Gesellschaft. Diese Motive werden zu Metaphern für den Krieg schlechthin. Umgekehrt gelesen, können diese Graphiken in der Folge zu Sinnbildern für Bewahrung von Erinnerung werden.
Alle drei KünstlerInnen bedienen sich, neben anderen bildkünstlerischen Techniken, der Druckgraphik und hier insbesondere der Lithographie. Allen Dreien geht es dabei aber weniger um die Vervielfältigung und die Umsetzung eines Bildes im Auflagendruck, sondern um die serielle Bildentwicklung eines Themas oder eines Formenkanons. Alle Drei produzieren Bilder mit einer komplizierten Innerlichkeit, rationaler bei Carolin Bernhofer, emotionaler bei Marta Djourina und Ahmad Ramadan. Dabei finden sowohl die experimentellen Möglichkeiten der Druckgraphik, wie auch die technischen Zufälligkeiten während des Druckprozesses bewusst Eingang. Kontrollierte Anwendung und Spontanität der Improvisation direkt auf dem Stein machen die Frische, Direktheit und teilweise auch Unbekümmertheit ihrer Druckgraphiken aus.
Ausstellung vom 23.6. bis 2.8.2018, Studio Bildende Kunst Berlin-Lichtenberg, John-Sieg-Str. 13, 10365 Berlin.
Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Michael Grunst, Bezirksbürgermeister von Berlin-Lichtenberg. Eröffnung: 22.06.2018, 19:00 Uhr, Einführung: Dr. Anita Kühnel (Kunsthistorikerin).


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