Kulturnews 06/2018

Ingo Knechtel:

Gewaltfrei

sollte nicht nur unser Handeln sein, sondern auch unsere Kommunikation. Zu letzterem gibt es sogar ein Handlungskonzept, um Menschen zu ermöglichen, so miteinander umzugehen, dass der Kommunikationsfluss zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt. Also, von nun an sind wir alle „Softies“, „Weicheier“, wir nehmen uns vor, ja nirgends anzuecken, es allen recht zu machen – um des lieben Friedens und der Freude willen? Schwer bei all dem ist nur: wir Menschen sind nicht alle gleich, jede/r sieht die Grenze, die rote Linie, bei sich an einer anderen Stelle als der andere. Und die Sicht auf das, was verbale und/oder nichtverbale Gewalt rechtfertigt, ist und war schon immer völlig verschieden. Im Zusammenhang mit den Feiern zu „200 Jahre Karl Marx“ stellte unser Bundespräsident fest: „Gewaltig ist nicht nur sein Werk, sondern gewaltig sind seine Folgen. …. Wie weit ist er, der Weg von der Wortgewalt zur tätlichen Gewalt, vom glühenden Gedanken zum fanatischen Handeln?“ Auch Religionen und ihre gegenseitigen „Unverträglichkeiten“ lieferten und liefern bis heute immer wieder Beispiele dafür. Es gibt also überall um uns noch genügend Platz, um über all das trefflich zu streiten, mit Argumenten, die durchaus scharf sein können. Verletzen sollten sie aber nicht, denn sie sollten von Respekt durchdrungen sein, nicht von Hass und Aggressivität. Wer denkt, Letzteres wurde vor allem in jüngster Zeit durch die ins Land gekommenen Flüchtlinge zu uns getragen, der verschließt seine Augen vor den hausgemachten Problemen. Häusliche Gewalt, Beziehungstaten, Auseinandersetzungen in Stadien und Innenstädten bei Fußballspielen, Angriffe und Pöbeleien gegen Schwule und Lesben, die Taten des NSU, der Ausnahmezustand beim G-20-Gipfel in Hamburg – Gründe hierfür müssen wir bei uns selbst suchen. Man kann es Notstand nennen, freilich einen des Mangels an Bildung, an gegenseitiger Achtung, an Gesprächskultur und an der Bereitschaft, sich Argumente von anderen anzuhören. Runde Tische könnten Abhilfe schaffen. Auf Regeln sollten sich alle einigen: die Menschen sollten einbezogen, zum Mitwirken eingeladen, nicht ausgegrenzt werden. Hier kommt uns allen, auch den bürgerschaftlich Engagierten eine große Verantwortung zu. Es ist doch schön, wenn Revolutionen von jetzt an friedlich verlaufen, wenn auch emotionsgeladene PolitikerInnen niemanden verbal eins „in die Fresse geben“, sondern überzeugend und in einer guten Sprache ihre Haltung darlegen. Dann mag eine Theorie, mögen Gedanken vielleicht nicht zur materiellen Gewalt werden, wenn sie die Massen ergreifen, aber zu einer Quelle und zu einem Motor der Veränderung allemal!


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