Kulturnews 05/2018

Andreas Pretzel:

Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit

Magnificio Magnus Hirschfeld (1868-1935) – Einen Gruß zum 150. Geburtstag
Foto: Dank für Veröffentlichung an die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

Mit außerordentlichem Mut und lebenslanger Beharrlichkeit hat sich Magnus Hirschfeld für die Entkriminalisierung und Emanzipation homosexueller Menschen eingesetzt. Er stammte aus einer jüdischen Ärztefamilie in Kolberg, studierte Medizin und wäre eigentlich gern Literat geworden. Nach dem Studium ließ er sich als Arzt und Naturheilkundler zunächst in Magdeburg und ab 1896 in Berlin-Charlottenburg nieder. Wie er berichtete, war es der Suizid eines homosexuellen Mannes, der den Ausschlag gegeben hatte, seinen Beruf und sein Leben fortan dem „Befreiungskampf der Homosexuellen“ zu widmen. Für ihn war es ein Kampf um Menschenrechte und gegen ein Strafrecht, das nicht wenige Menschen nach dem berüchtigten § 175 kriminalisierte, sie ihrer sozialen Existenz und ihrer Ehre, ihrer Freiheit und ihrer Liebe beraubte und nicht selten in den Tod trieb.
1897 gründete er das „Wissenschaftlich-humanitäre Komitee“, die weltweit erste Homosexuellen-Organisation. Noch im gleichen Jahr startete er eine Unterschriftenaktion, um mit einer Petition an den Reichstag den Unrechtsparagrafen abzuschaffen. Weitere folgten bis 1926. Über 6.000 Gelehrte, Bildungsbürger und Künstler sollen mit ihren Namen für die Abschaffung des Unrechts eingetreten sein. Über 2.500 von ihnen sind damals namentlich veröffentlicht worden: darunter auch der junge Dichter Johannes R. Becher, der 1945 den „Kulturbund“ gründete – an der Seite vieler Prominenter, wie August Bebel und Thomas Mann, Albert Einstein und der Philosoph Martin Buber, der Architekt Bruno Taut und der Zeichner Heinrich Zille. Bereits diese wenigen Namen verdeutlichen, dass es Hirschfeld gelang, nicht nur männerliebende Männer, sondern auch viele heterosexuelle Zeitgenossen für seinen Kampf gegen das Unrecht zu gewinnen. Mit seinem Engagement erlangte er große Popularität und auch als Sexualforscher internationales Renommee. Als er wegen der zunehmenden Anfeindungen von konservativ-klerikalen Politikern und Nationalsozialisten 1930 Deutschland verließ und auf Weltreise ging, wurde er auf seiner Vortragstour in den USA als „Einstein des Sex“ angekündigt, um Lebensleistung und Bekanntheit zu veranschaulichen.
Hirschfeld erforschte Homosexualität als eine Naturgegebenheit, um der gleichgeschlechtlichen Liebe wissenschaftliche Legitimität und damit gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen. 1919 hatte er dazu mit eigenen Mitteln das Institut für Sexualwissenschaft in einer Villa im Berliner Tiergarten etabliert, dort, wo sich heute das Haus der Kulturen der Welt befindet. Er reiste und hielt Vorträge, schrieb und publizierte, um aufzuklären, Mitstreiter und Bündnispartner zu gewinnen. Er beteiligte sich wortführend an der Entstehung der Sexualforschung, gründete Fachzeitschriften und Fachgesellschaften und organisierte sexualwissenschaftliche Kongresse, um für eine Reform des Sexualstrafrechts zu werben. Dabei engagierte er sich auch im Kampf gegen § 218 (Abtreibungsbestrafung) und war Mitglied in einem Berliner Hurenverein, um deren Lage zu verbessern, kümmerte sich um Menschen, die ihr Geschlecht wechseln wollten, betrieb Eheberatung und veranstaltete Frageabende in seinem Institut, wo die Besucher/innen per Zettelkasten und anonym das erfragen konnten, was sie immer schon über Sex wissen wollten.
Unermüdlich wandte er sich gegen die religiös motivierte Verdammung von Homosexualität, gegen den konservativen Starrsinn vieler Politiker sowie gegen die homophoben Skandalisierungen und Verleumdungen in der Presse. Er zog mit Polizeikommissaren und Rechtswissenschaftlern durch die Homosexuellenszene Berlins, um sie von der Harmlosigkeit der Vergnügungen zu überzeugen, lud Politiker und Parlamentarier ein ins Institut, um ihnen die Sexualnot zu schildern und sie von der erforderlichen Sexualreform zu überzeugen.

Foto: Dank für Veröffentlichung an die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

Anfang Mai 1933 wurde Hirschfelds Institut geplündert und geschlossen, Teile der Bibliothek bei der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz vernichtet. Hirschfeld starb zwei Jahre darauf im Exil. In Deutschland hatte derweil eine systematische Verfolgung Homosexueller durch ein von den Nazis verschärftes Strafgesetz begonnen. Sie führte zum größten Homosexuellenpogrom der Neuzeit mit mehr als 50.000 Verurteilungen und Tausenden Toten in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Und auch nach dem Ende der NS-Zeit gingen die staatliche Verfolgung und Freiheitsberaubung, Unterdrückung und Diskriminierung in den beiden deutschen Staaten schamlos weiter. Hirschfelds Kampf für die Befreiung der Homosexuellen blieb ein herausforderndes wie ermutigendes Vermächtnis.
Homophilen-Organisationen der 1950er Jahre und die Schwulenbewegung der 70er Jahre haben Hirschfelds Kampf weitergeführt, die Abschaffung des § 175 gefordert und zusammen mit der Lesbenbewegung einen gesellschaftlichen Emanzipationsprozess in die Wege geleitet. Doch erst 1994 wurde der § 175 aus dem Strafgesetz der BRD entfernt. Dadurch entstand nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten eine Phase zweierlei Rechts. Denn die DDR hatte das Homosexuellenstrafgesetz 1988 abgeschafft. Während für die Beitrittsländer der ehemaligen DDR ab 1990 das Freiheitsversprechen auch für Homosexuelle galt, blieb dagegen auf dem Territorium der („Alt“-)BRD das Unrecht im Strafrecht noch bestehen. Und auch mit der Abschaffung des § 175 war das Unrecht 1994 nicht beseitigt. Zwar gab es keine Strafandrohung mehr, doch die von 1933 bis 1994 ergangenen Urteile behielten ihre Rechtskraft.
Seit 1997 hat der Kulturring durch Forschungs- und Ausstellungsprojekte die Forderung nach einer umfassenden Aufhebung der Unrechtsurteile unterstützt. Die Aufarbeitung des Unrechts der Verfolgung und die Erinnerung an die Verfolgten, denen man nach 1945 den Status eines NS-Opfers konsequent verweigert hatte und die nicht selten erneut in die Fänge von Polizei und Justiz gerieten, waren ein beachteter Beitrag in der Debatte um Mahnung, Erinnerung und Wiedergutmachung. Publikationen der seit 2001 bestehenden AG Rosa Winkel beim Kulturring sind von Parlamentariern aufgegriffen worden, um die Wiedergutmachungsbestrebungen voranzubringen. Die im Jahr 2003 erarbeitete Wanderausstellung „Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft“ wurde u.a. 2006 im Bundestag und in der Akademie der Künste gezeigt, als es darum ging, ein nationales Mahnmal zur Homosexuellenverfolgung zu errichten. Seit 2008 steht es im Tiergarten. Die Aufhebung der NS-Urteile erfolgte 2002, die von 1945 bis 1994 ergangenen Urteile wurden 2017 aufgehoben. Die geschichtliche Aufarbeitung wird aber mindestens noch ein bis zwei Dekaden Forschungsarbeit beanspruchen. Hier wird der Kulturring auch künftig mit seinen Forschungsprojekten Voraussetzungen für die politische Aufklärung und Bildung schaffen, damit das Unrecht nicht vergessen wird, der Diskriminierung homosexueller Frauen und Männer entgegengewirkt und ihre gesellschaftliche Gleichberechtigung erreicht werden kann. In diesem Sinne knüpft die AG Rosa Winkel auch an das Leitmotto von Magnus Hirschfeld an: „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“.


...zurück

www.kulturring.org - kulturell immer auf dem Laufenden | Adressen | Impressum | Datenschutz