Kulturnews 04/2018

Sabine Wang:

„Bücher sind auch nur Menschen“

Der Medienpoint Pankow und sein Kiez
Foto: Ina Seidel

Am 1. März eröffnete der Medienpoint Pankow in der Senefelder Str. 13 im Prenzlauer Berg eine kleine, liebevoll gestaltete Ausstellung mitten in den Bücherregalen vor Ort. Angefangen von Postkarten, Fotos, Einkaufszetteln, Kochrezepten über Wohnungstauschanzeigen, Urkunden, einem Transitvisum, bis hin zu Liebesbriefen, Visitenkarten, Gemälden und vielem mehr – all dies diente den Bücherfreunden in der Vergangenheit als Lesezeichen. Die Aufzählung könnte endlos weitergehen. Vergessene Erinnerungen aus Büchern, die zu neuem Leben erwacht sind.
Es hat sich herum gesprochen im Kiez und anderswo. Viele Besucher und Stammnutzer des Medienpoints kommen nun auch, um sich die interessanten und kuriosen Fundstücke anzuschauen. Das Schöne daran ist, dass unterschiedlichste Menschen jeden Alters dadurch ins Gespräch kommen. So rief erstaunt eine Dame: „Ach, sehen Sie, die gehörte doch meinem Vater...“ Es handelte sich um eine Urkunde über einen 200m-Lauf bei einem Kreissportfest der FDJ (Freie Deutsche Jugend). Der Papa wurde dabei Kreismeister, und jetzt kommt es, … im Jahre 1947.
Ein anderer Besucher erzählte über seine Lehrzeit in einem Betrieb nahe bei Berlin, er hatte ein Brigadetagebuch von dort entdeckt. Auf einem Foto erkannten Eltern ihre kleine Tochter wieder und freuten sich über diese Begegnung anderer Art. In einem Brief von 1938 schrieb ein Rektor an einen Vater über die Versäumnisse des Sohnes und erbat dringend die Unterschrift bezüglich der Kenntnisnahme. Oder da hieß es: „Liebe Mama ich liebe dich wie mein Leben...“, ein Zettelchen mit Kinderhand geschrieben, dazu gemalte Herzchen. Aber wir wollen nicht zu viel verraten.
Selbstverständlich würden all diese privaten Zeugnisse an die Besitzer zurückgegeben werden, aber die Fundsachen dürfen auf Nachfrage in der Ausstellung verbleiben, so bekommen sie als Lesezeichen noch einmal eine ganz andere Bedeutung. An dieser Stelle geht unser Dankeschön an alle Spender. Selbst Reporter Benedikt Meise vom Radiosender B1, der ursprünglich über den Medienpoint als Tipp und Bücheradresse senden wollte, konnte sich von der tollen Ausstellungs-Atmosphäre überzeugen und darüber im Radio berichten. Schade nur, dass es im Medienpoint keine gemütlichen Sitzecken gibt, denn ganz schnell würde ein neues Erzähl-Kaffee im Kiez entstehen. Aber natürlich unterhalten sich die Besucher auch so angeregt, oftmals noch mit einem passenden Buch in der Hand über Vergangenes und das heutige Leben. Manchmal wird unter Lachen und Buchstabieren gemeinsam ein alter Liebesbrief entziffert und dem unbekannten Paar viel Glück gewünscht.
Die Ausstellung ist noch bis zum 30.4.2018 im Medienpoint Pankow, Senefelderstraße 13 in 10437 Berlin, Montag bis Freitag von 9-17 Uhr zu sehen.


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