Kulturnews 04/2018

Thomas Sefzig:

Reisender zwischen zwei Welten

Baume Creatives – der Fotograf Michael Richter
Foto: Reno Döring

Seit fast einem Jahr recherchieren fünf Enthusiasten im Rahmen eines Projektes des Kulturrings in Berlin e.V. selbst ausgewählte Lieblingsorte im Bezirk Treptow-Köpenick, um diese in Wort und Bild für sich (neu) zu entdecken. Sie tun das mit dem Ziel, Bürgerinnen und Bürger, Gäste sowie Interessierte des südöstlich gelegenen Stadtbezirks so auf noch Unentdecktes, Unbekanntes neugierig zu machen. Jeder von ihnen hat bereits eine Reihe neuer Lieblingsorte ausgemacht, bereits bekannte aufgesucht und dabei auch fotografisch festgehalten. Einer davon ist der Fotograf Michael Richter, mit dem wir uns verabredet haben.
Der Weg ist das Ziel, sagt man im Buddhismus. Goethe meinte, man reise nicht, um anzukommen, sondern um die Reise selbst zu erfahren. Michael Richter erfuhr dies im Laufe seines eigenen Lebens. 1956 in Frankfurt/Main geboren, erlebte er noch eine Kindheit ohne Fernsehgerät. Man spielte zusammen, kommunizierte quasi ohne Unterbrechung. Als geradezu gruselig empfand er es dann, als in den 1970er Jahren aus allen Fenstern das blaue Licht strahlte, die Familien nur noch in eine Richtung glotzten, kaum mehr ansprechbar waren. Kaum mehr Kommunikation, geschweige denn eine eigene, bewusste Wahrnehmung – das ging so gänzlich gegen seine eigene Einstellung.
Richter wurde zunächst Energieanlagenelektroniker, arbeitete, gründete eine Familie. Als diese dann nach einigen schweren Jahren auseinanderbrach, brauchte er eine Auszeit. Ein Ticket ins tropische Asien war seine Wahl, und so landete er 1997 in Kambodscha, als einfacher Tourist, der Erholung suchte und sich sammeln und neu sortieren wollte. Natürlich herrschte dort ein völlig anderer Lebensstil, der ihn schnell vereinnahmte und faszinierte. Die bekannte tropische Lässigkeit, oft mit Trägheit oder Faulheit verwechselt, war genau das, was er brauchte. Aber es gibt dort, wie überall sonst auch, die Schattenseiten: Müll wird achtlos in die Landschaft geworfen, und wer auf der Straße verunglückt, muss schon von der eigenen Familie aufgesammelt werden. Kein Sozialsystem fängt einen auf, weder bei Arbeitslosigkeit noch bei Krankheit. Man ist arm, aber kommt damit klar.

Foto: Michael Richter

Was dem stets ordnenden und organisierenden Deutschen natürlich völlig gegen den Strich geht. Zurück in Deutschland, war er zunächst gesättigt – sowas kann man nicht Leben nennen, das ist doch keine Perspektive. Er wurde geradezu krank, depressiv, zumal die Lebenssituation in Deutschland auch nicht geklärt war. Nach drei Monaten hatte er beide Erfahrungswelten verarbeitet, konnte die positiven und negativen Seiten klar erfassen – und wollte einen zweiten Versuch wagen. Diesmal reiste er weiter durch das Land Kambodscha, wobei er mehr und mehr in den Bann der Tropen gezogen wurde. Er hatte gelernt, sich dort zu bewegen. Als er dann wieder in Deutschland war, verkaufte er alles und flog endgültig in seine neue Heimat. Egal, wieviel Geld man besitzt – es wird weniger, wenn man nicht arbeitet. Also suchte er Jobs, konnte als Elektroniker schon bald von seinen Einkünften leben. Er bereiste andere Länder wie Nepal, sah und erlebte enorm viel Interessantes, was ihn bewog, sich eine Kamera zu kaufen, um das alles festzuhalten. Fotografie gehört zu jenen Hobbies, die irgendwann süchtig machen. So erging es auch Michael Richter, der schon bald einen Rechner dazu kaufte, um die Bilderflut beherrschen zu können. Dann entdeckte er Photoshop und dessen zahllose Möglichkeiten der Bildbearbeitung, traf andere Fotografen und Künstler anderer Genres, die ihn bestärkten, seinen besonderen Blick auf die Welt und ihre Dinge weiterzuentwickeln. Er kniete sich hinein, entwarf einen eigenen Stil, seine eigene, strukturierte Arbeitsweise. Er fand seinen eigenen Weg, voller Begeisterung, endlich sein persönliches Ausdrucksmittel gefunden zu haben: Jeder Künstler hat sein Instrument, und sobald er es beherrscht, führt der Weg in die ureigene Interpretation der Welt. Schon bald hatte er eine Serie beisammen, die er öffentlich ausstellte, im Art Café in Phnom Penh, und er konnte einen großen Teil der Bilder sogar verkaufen.
Dadurch bestärkt, arbeitete er weiter, suchte bewusst Motive, die abseits der Touristenströme zu finden waren, die selbst einen Journalisten verborgen blieben. So konnte er mit ein paar Jugendlichen aus den Slums, die sich ihre Kleider aus Mülltüten und Ähnlichem selbst bastelten, ein Shooting in einem Edel-Kaufhaus durchführen – was sofort die Security-Leute auf den Plan rief, mit gezogenen Waffen, versteht sich. Die echten Abenteuer erlebt man nur, wenn man etwas riskiert. Weitere Ausstellungen folgten, und meist war ein Großteil der Bilder schon bei der Vernissage verkauft. Er war nun gefragt, und so traten verschiedene Institutionen an ihn heran, beispielsweise der FCC (French Culture Club). Auch UNICEF meldete sich, sowie verschiedene Journalisten, die mit seiner Hilfe die innenpolitischen Probleme des Landes erforschen wollten. Dies allerdings lehnte er ab. Kinderhandel, Prostitution, Drogen – dahinter stehen mächtige Kartelle, die keine Sekunde zögern, jemanden zu töten, der unbequeme Fragen stellt. Er versteht sich auch nicht als investigativer Journalist. Man kann das auch anders machen, einfach, indem man das Leben der Menschen verfolgt und abbildet, und so die eigene Wahrnehmung, wie auch die des Betrachters schärft.
Eigentlich lief alles sehr gut, aber dann wurde Michael Richter krank. Es half alles nichts, er musste wieder nach Deutschland. „Die Krankheit werde ich wohl nicht wieder los, aber ich kann damit leben.“ Mit dieser Einstellung durchwanderte er in den vergangenen Monaten Treptow-Köpenick, entdeckte auch hier sehr viel Interessantes: „Im Grunde ist alles schon mal fotografiert worden. Dennoch kann man durch den ganz persönlichen Blickwinkel jedes Motiv nochmals neu erfassen.“ Die Fotografie hat seine Einstellung zum Leben verändert, seinen Lebensstil intensiv geprägt, so dass er seinen ganz eigenen Blickwinkel auf die Welt gewinnen konnte – man sagt, dass es das ist, was einem keiner nehmen kann. Reisepläne schmiedet Michael Richter auch schon wieder. Indien soll es sein, und Bangladesch.


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