Kulturnews 03/2018

Thomas Sefzig:

Nathan und Lisa im Kungerkiez

Foto: Thomas Sefzig

In den letzten Jahren mussten wir mit ansehen, wie durch den Flüchtlingsstrom ungemein viel Angst und Hass hervorgerufen wurden. Für viele Menschen war es unfassbar, wie dies in einer scheinbar so aufgeklärten Gesellschaft wie der unseren überhaupt möglich sein konnte. Wieder waren es Ablehnung, bis hin zu offen ausgetragenem Hass gegen alles Fremde, Religionen, Hautfarben.
Inzwischen ist es auch wieder zu einem Problem an verschiedenen Schulen geworden, dass Jugendliche sich gegenseitig sehr aggressiv angreifen und beleidigen, meist mit religiösem Hintergrund. Nun brauchte die Aufklärung bei uns Jahrhunderte und unzählige Kriege, um sich so in unserem Grundgesetz abzubilden, wie wir es kennen. Und selbst unsere moderne, „urdeutsche“ Bevölkerung kämpft, noch lange nach dem „dritten Reich“, mit Begriffen wie Toleranz und wo diese Grenzen haben müsse. Immer wieder hören wir von Streitereien um Kreuze in Klassenzimmern, Kopftücher etc. Was klarmacht, dass Aufklärung keine einmalige Errungenschaft ohne Verfallsdatum ist. Sie muss ebenso wie alles andere in einer Demokratie, und letztlich die Demokratie selbst, permanent neu bearbeitet und erkämpft werden. Jede nachrückende Generation muss sich neu auseinandersetzen, zueinanderfinden, ein tolerantes und demokratisches Weltbild für sich entwickeln und auch verteidigen. Es ist ein ständig wiederkehrender Sozialisationsprozess, und wir haben nur die Möglichkeit, bisherige Erfahrungen an nachfolgende Generationen weiterzugeben und diese anzuleiten.
Im Kungerkiez-Theater arbeitet man zur Zeit sehr aktiv genau daran, wobei man Lessings „Nathan der Weise“ als Basis nutzt, da es als geradezu prädestiniert erscheint. Denn es geht ja in diesem Stück unter anderem um Toleranz, Gleichstellung, Egalität. Seit acht Monaten leitet Michael Schmitz die Truppe aus rund 30 Personen, die sich aus Jugendlichen und Erwachsenen, Laien und Profis zusammensetzt, allesamt auf ehrenamtlicher Basis. Eigens hierfür hat Michael Schmitz die Adaption „Nathan und Lisa - ein musikalisches Schauspiel rund um die Duldsamkeit“ geschrieben.
Die Herkunft der Beteiligten ist wie ein Blick auf den Globus, von Afghanistan über Irak, Israel, Polen, Deutschland...
Einer Theaterprobe beizuwohnen, ist immer interessant. Hier ist besonders, wie ungeheuer locker und entspannt alle miteinander umgehen: Ein erstklassiges Beispiel für gelungene Integration.

Foto: Thomas Sefzig

Integration und Inklusion sind auch die Hauptziele der Arbeit, und schlauerweise wird über den gesamten Ablauf, die Entwicklung des Stückes, eine eigenständige Film-Dokumentation erstellt, unter der Leitung von Michael Westrich. Der Dokumentarfilm, der durch ein Team, bestehend aus Hannah Verstegge, Maria Manowski und Artem Kirichuk, entwickelt wird, hat voraussichtlich am Samstag, dem 7. Juli, Premiere. Die Dokumentation findet man auch im Internet als Blog, unter www.myheimatberlin.org. Hier kann der gesamte Probenprozess verfolgt werden.
Möglich ist dieses Miteinander wohl insbesondere dadurch, dass Michael Schmitz auf Ensemblearbeit setzt: Ganz paritätisch, und auf experimentelles Entwickeln ausgerichtet. Bereits gefundene Sequenzen werden immer wieder durchbrochen, neue Varianten erspielt. In einer monodirektionalen Struktur hingegen ginge ganz sicher sehr vieles und vermutlich auch das Beste hiervon verloren. So aber wird es zu einem Thea-ter-Crashkurs, dessen Beteiligte nach wenigen Monaten erstaunlich bühnenfest sind, sich mit Sicherheit und Leichtigkeit bewegen, und man sieht bei aller Ernsthaftigkeit die Freude an der Arbeit, dem Miteinander.
Theater besteht natürlich aus dem gesamten Bühneneindruck. Dazu gehört das Bühnenbild wie auch die Kostüme, für die Hannah Schorch, Joshuah Regitz und Renan Harari verantwortlich zeichnen. Für „Nathan und Lisa“ haben sie sich etwas Besonderes einfallen lassen – man darf gespannt sein!
Schwierigkeiten gibt es natürlich auch. So können die Jugendlichen bisweilen umständehalber nicht immer pünktlich sein – Schule geht vor. Es wären auch durchaus noch Rollen zu besetzen, vier bis sechs Jugendliche im Alter von 15 bis 21 Jahren für Schauspiel und Dokumentation werden noch gesucht. Erfolgreich wird man aber nur, wenn man einmal mehr aufsteht, als man hingefallen ist. So lassen sich sämtliche am Projekt Beteiligten nicht entmutigen, wenn einmal etwas nicht gleich klappt, allen voran Michael Schmitz, und diese Haltung bemerkt man schon am Umgang miteinander, der geprägt ist von Humor, Begeisterung und Vertrauen.
Acht Monate Arbeit kostet es bereits, das alles zu stemmen – der Premiere darf mit Spannung entgegengesehen werden.
https://theater.kungerkiez.de/event/nathan-und-lisa/#more-2990


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