Kulturnews 11/2017

Ulrich Clauder:

100 Jahre was noch mal?

Abb.: Poster 1922, Ivan Vasilyevich Simakov

Meine Enkel haben in der Schule und den von ihnen genutzten Medien mit Sicherheit etwas über 500 Jahre Reformation gehört, ob über 100 Jahre Oktoberrevolution, bezweifle ich. Dabei hat die „Leninrevolution“ doch mindestens ebenso wie die „Lutherreformation“ in unser Leben eingegriffen, und das ist noch zurückhaltend formuliert. Nehmen wir unseren Plattenbau, in dem ich seit 1984 wohne: Ohne 1917 undenkbar. Die russische Revolution, Stalins Sieg 1945, die SED in der DDR an der Macht, und schon sind wir in dieser kurz skizzierten Abhängigkeitskette beim Wohnungsbauprogramm der SED. Oder unsere Löhne und Altersrenten: Meine ehemaligen Westkollegen in gleicher Stellung, aber mit ungebrochener Rentenbeitrags-Biographie, haben ein Drittel Rente mehr pro Monat und dazu sich selbst nebst ihren Kindern mit soliden Eigenheimen versorgt; mir schweben da einige Beispiele vor Augen, die sich durchaus verallgemeinern lassen. Während das (mir unter anderen Umständen als Miterbe zugefallene) Eigenheim der Großeltern in Polen steht. Auch hier wieder die Brüche von 1917 in Russland, deren Folgen nach 1945 für den Osten Deutschlands und meine Rentenhöhe: Die Folgen der Oktoberrevolution grüßen mich tagein tagaus.
Um eins klar zu stellen: Ich bin ein höchst zufriedener Bewohner unseres Plattenbaus, leide weder unter der begrenzten Rentenhöhe noch unter dem Verlust des oberschlesischen Häuschens der Oma. Zumal ursächlich die Nationalsozialisten durch den Überfall auf die Sowjetunion dafür verantwortlich sind, dass die Deutschen aus Schlesien vertrieben wurden. Ich bin, anders gesagt, also keinesfalls Opfer der Ereignisse von 1917. Aber Nutznießer?
Darüber lohnt es sich freilich nachzudenken. Hatten nicht sogar die Verwandten im Rheinland mit ihrem schönen Eigenheim von Lenins Revolution profitiert? Ohne russische Revolution, ohne Sieg der Roten Armee über Hitlers Wehrmacht kein Marshallplan zum Aufpäppeln der Westzonen (zur Sicherung von demokratischer und zugleich antikommunistischer Westbindung), kein Wirtschaftswunder mit der Verdiensthöhe, die dem Facharbeiter im Rheinischen dieses Häuschen ermöglichte. Na gut, eine sehr straffe Kausalkette vielleicht, aber darüber zu sinnieren lohnt sich schon.
Auch darüber, wie sich die einzig wirklichen Revolutionen der Neuzeit doch einander gleichen, ich meine die französische und die russische: 1789 in Frankreich der populäre Kampf für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Allerdings herrschte schon drei Jahre danach die Guillotine über die Revolutionäre. Wenig später Napoleons revolutionsgeborene Feldzüge zur Befreiung Europas von verstaubten Monarchien, die in Waterloo endeten. Und die den Monarchien eine fröhliche Wiederauferstehung ermöglichten unter Walzerklängen beim Wiener Kongress, ein Vierteljahrhundert nach dem Sturm auf die Bastille!
1917 dann Russland mit dem Schrei der Massen nach sofortigem Frieden, Grund und Boden, nach Brot. Wenige Jahre nach dem Sturm auf das Winterpalais begann spätestens mit Stalins Machtübernahme ein höllisches Industrialisierungstempo. Nachfolgende Hungersnöte und ein unerbittlicher Terror auch gegen unzählige aufrichtige Bolschewiki verdunkeln das, was als Volksaufstand begann. Aber: Ohne Oktober 1917 und erzwungene Modernisierung gäbe es nicht Stalins Triumpf im Großen Vaterländischen Krieg über Hitler, auch nicht die nachfolgende Teilung der Welt im kalten Krieg mit dem Gleichgewicht des atomaren Schreckens. Genau 200 Jahre nach der französischen Revolution kamen die Implosion der Nachfolgestaaten der Oktoberrevolution und eine Wiederauferstehung des „Altbewährten“ zur Fast-Alleinherrschaft. Selbst die nachhaltigen Folgen des Roten Oktober im großen China und einige Inseln in der dritten Welt konnten bisher an diesem Zustand der Welt wenig ändern.
Man muss nicht Pazifist sein, um ein Fragezeichen zu setzen, wenn die Macht nach Revolutionen aus den Gewehrläufen kommt, die sich nur zu oft nach 1789 und 1917 auf Mit-Revolutionäre richteten. Auch gegenüber einem blauäugigen Blick auf wundersame Heilung der Gebrechen in der Welt durch mehr Staatseigentum gilt es kritisch zu sein. Hatten wir doch in Folge des Roten Oktober bis 1989 diese formale, zentral verfügte „Vergesellschaftlichung“: Bürokratische Apparatschiki kamen an die Hebel der Macht unter roten Fahnen der „Diktatur des Proletariats“. Die Arbeiter fühlten: Demokratische Kontrolle der Produzenten über die Gesellschaft blieb auch im Realsozialismus ein Traum von Marx und Engels.
Was ungeachtet dessen über kurz oder lang aussteht, ist eine globale Erhebung gegen den Irrsinn, welcher ansonsten in den Untergang der Zivilisation führt. Hoffen wir dabei auf ein nachhaltigeres Ergebnis als 1789 oder 1917. Den Revolutionären von damals fiel es leicht, gestützt auf die Wut der Massen Vorhandenes zu zertrümmern. Aber die zarten Keime des Neuen wurden leider gleich mit zertrampelt. Bleibt uns die Hoffnung nach der Niederlage im Deutschen Bauernkrieg „…unsere Enkel fechten es besser aus“? Wenn die Enkel ein Ohr für meine Interpretation haben sollten: Bitte die Säbel im Museum lassen, aber scharfe Wortgefechte führen, um gemeinsam einen Ausweg aus der Sackgasse zu finden.
aus jot w.d. 10/2017

Bitte beachten Sie auch unsere Programmhinweise: Filmvorträge mit Irina Vogt, Filmwissenschaftlerin, zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution:
- 14.11., 19 Uhr, Kulturbund Treptow: „Leuchte, mein Stern, leuchte“, Sowjetunion 1969
- 30.11., 19 Uhr, Kulturküche Bohnsdorf: „Sklavin der Liebe“, Sowjetunion 1976


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