Kulturnews 11/2017

Thomas Sefzig:

Tatort Ernststraße

Dr. Nahlah Saimeh, Jonas Winner, Foto: privat/promo

Krimis sind in Deutschland seit eh und je beliebt wie kaum ein anderes Genre, ob in der Literatur oder im Film. Immerhin werden jährlich Millionen fiktionaler Romane verkauft, die etwa 370 realen Fällen gegenüberstehen (die Aufklärungsquote liegt übrigens bei ca. 95%). Eigentümlich, dass so viele Menschen unterschiedlichsten sozialen Hintergrunds offenbar Vergnügen empfinden an Mord und Totschlag – oder ist es die Jagd nach dem Täter? Die Aufklärung? Die Katharsis, die Wiederherstellung der moralischen Gerechtigkeit?
Am 7. November treffen Realität und Fiktion im Kulturbund Treptow in Baumschulenweg aufeinander, zum 8. Krimimarathon Berlin-Brandenburg. Es dürfte also spannend werden, wenn eine forensische Psychiaterin uns einen erhellenden Blick auf reale Gewalt verschafft, ebenso, wenn dies ein Krimiautor angeht – allerdings im Fiktionalen.
Wenn man ein Erstlingswerk abliefert, das beschrieben wird mit „Wie ein Film von Lynch“, ist dies sicherlich ein Ritterschlag. Jonas Winner, promovierter Philosoph und Autor mehrerer Romane und Drehbücher, wird uns sicherlich überraschen mit seinem aktuellen Werk: In einem Freizeitpark auf Zodiac Island wurden vor 20 Jahren drei Frauen ermordet, der Täter gefasst, der Park geschlossen. Nun soll dort ein Themenpark entstehen, der „Murder Park“. Prompt geht’s wieder los...
Das neue Buch von Dr. Nahlah Saimeh wird sicher mit anderen Erwartungen belegt sein, handelt es doch von realen Mördern und der Auseinandersetzung mit deren Hintergründen und Beweggründen, mit denen sie sich seit rund 20 Jahren beruflich beschäftigt: Muss man verrückt sein, um zum Mörder zu werden? Antwort: Nein! Ein Kapitel ihres Buches widmet sich dem Thema Radikalisierung und Terror. Themen, die uns alle seit Jahren in zunehmendem Maße ängstigen, schon weil kaum jemand nachvollziehen kann, wie und warum jemand dazu kommt, wahllos Mitmenschen töten zu wollen. Wut und Neid kennen wir alle. „Ich bring dich um!“ hat wohl jeder schon einmal gesagt oder gedacht – aber auch gemacht?
Wie leicht überschreitet man die Grenze der Alltagsbosheit, zum Beispiel dem Nachbarn einen Kratzer in den neuen Wagen zu machen – oder ihn statt dessen brutal und mitleidlos zu töten? Wie verfehlt muss eine Sozialisation sein, wenn man einer Gruppe angehören will, die sich über den Rest der Menschheit stellt und jeden Andersdenkenden auslöschen will? Bosheit gibt es überall, aber womit muss man rechnen, und wie bekämpft man sie?
Abends, wenn es bereits dunkel ist, und ein herbstlicher Wind bunte Blätter um die Füße weht, geht man den schmalen, unregelmäßig gepflasterten Gehweg der Ernststraße entlang, im fahlen Licht der Laternen, das die kahlen Bäume und Jugendstilfassaden nur schwach beleuchtet. Man erreicht das alte Gemäuer aus der Gründerzeit, steigt die schmalen, knarrenden Stufen hinauf, bis man sich erleichtert in einen Stuhl fallen lassen kann, unsicher seinem unbekannten Sitznachbarn zunickt – wer das wohl sein mag? Das Böse lauert ...
Kulturbund Treptow, Ernststraße 14/16, 12437 Berlin, 7.11.2017, 19 Uhr (bis Mitternacht...)


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