Kulturnews 10/2017

Sandra Rienäcker:

Auftakt – Vom neuen Leben als Kursleiterin

Foto: Sandra Rienäcker

„Eine große Verantwortung, andere auf ihrem künstlerischen Weg zu begleiten”, dachte ich, als mir vor einem Jahr der Maler und Grafiker Stefan Friedemann zwei seiner Kurse anvertraute, die er zuvor viele Jahre geleitet hatte. Neben Kummer über den plötzlichen, aus Gründen beruflicher Neuorientierung notwendigen Weggang des vertrauten Lehrers begegneten mir Erleichterung über die Fortführung der Kurse wie auch Neugier auf „die Neue”. Ich erfuhr eine herzliche Aufnahme im Studio Bildende Kunst in Berlin-Lichtenberg!
Seit meinem Diplom und Meisterschülerabschluss Malerei / Freie Kunst bei Wolfgang Peuker an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (2000/01) arbeite ich freischaffend in Berlin. Selbst figürlich-gegenständliche Malerin, stellt für mich das Zeichnen die Grundlage jedweden bildkünstlerischen Schaffens dar. Dabei ist die figürliche Darstellung, jahrhundertelange Tradition unzähliger Künstlergenerationen vor uns, ein besonders anspruchsvoller und zugleich faszinierender Bereich der Bildenden Kunst. Deshalb empfinde ich es als einen großen Glücksfall, dass der Kulturring in Berlin e.V. in den Räumen des Studios Bildende Kunst die Möglichkeit regelmäßigen Aktzeichnens bietet.
Interessierte ganz unterschiedlichen Alters und verschiedenster Berufe mit langjähriger zeichnerischer Erfahrung, aber auch Neueinsteiger, versammeln sich im Atelier der altehrwürdigen Villa Skupin zur gemeinsamen Arbeit vor dem Modell. Wir beschäftigen uns nicht nur mit Aufbau, Proportionen und anatomischen Zusammenhängen der menschlichen Figur, sondern auch mit deren Bezug zum Raum, ihrer Einordnung in Umgebung und Interieur. Der Analyse der Figur in ihrem Umfeld folgt die Umsetzung in ein eigenständiges Kunstwerk. Dabei kommen Komposition, Flächenverhältnisse und Spannungsbezüge ins Spiel. Es ist immer wieder Herausforderung und Vergnügen, Volumina und Räume, Licht und Schatten, Stofflichkeiten bildkünstlerisch zu vermitteln: mit der Kraft der Linie, Schraffuren, Lasuren, dem Setzen von Lichtpunkten oder dem Herstellen farblicher Bezüge. Der Auswahl künstlerischer Techniken sind kaum Grenzen gesetzt, von Bleistift, Kohle, Rötel- oder Pastellkreide, Feder und Tusche bis zu Aquarell- oder Acrylfarben, auf Papier, Leinwand oder gleich mittels Radiernadel auf die Zinkplatte. Neben individueller Korrektur und Hilfestellung bei der Bewältigung gestalterischer Fragen ist mir die Förderung der Verschiedenartigkeit der einzelnen künstlerischen Handschriften sehr wichtig.

Foto: Sandra Rienäcker

Unsere Modelle kommen aus aller Welt. Ich ermuntere sie gern, ein wichtiges Requisit oder Accessoire aus ihrem Lebensalltag mitzubringen, um dies in unsere Arbeit einzubeziehen. Mal sind es ein Apfel, ein besonderes Tuch oder der Hut aus dem letzten Theaterprojekt, aber auch Gitarre und Sopranstimme der Musikerin, die unser Tun begleiten. Eine Besonderheit im Studio Bildende Kunst ist die Möglichkeit der unmittelbaren radiertechnischen Umsetzung des Aktstudiums in der hauseigenen Druckwerkstatt, die sehr gern genutzt wird. Neben dem Kurs Aktzeichnen unterstütze ich eine Gruppe Senioren, die sich mit den künstlerischen Möglichkeiten des Tiefdrucks beschäftigt. Hier hat sich über Jahre gemeinsamen Schaffens eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet, die sich mit Begeisterung und Elan der Tradition der jahrhundertealten Technik der Radierung verschrieben hat. Figurationen, Stillleben und, am häufigsten, Landschaften und Architekturen, Eindrücke von Reiseerlebnissen aus Nah und Fern, finden sich als Liniengefüge und Fläche, gestrichelt und geätzt, auf Metall und Kunststoff, wieder. Die Radierung erfordert neben künstlerischer Fähigkeiten ein besonders hohes Maß an handwerklichem Geschick, bietet aber auch vielfältige Möglichkeiten für Experimentierfreude und Entdeckerlust. Ob Naturstudie oder freies Spiel von Fläche und Farbe, es gilt, die Bildidee, mittels Kaltnadel, Strichätzung, Aquatinta oder Reservage in eine reproduzierbare Druckvorlage zu überführen.
Kommunikation, gegenseitige Unterstützung und gemeinsames Begutachten von Arbeitsergebnissen bilden die Basis für die überaus harmonische und kreative Atmosphäre in meinen Kursen. Gespräche unter den Künstlern kreisen immer wieder um das Kulturleben Berlins mit seinen Museen, Theatern und Konzertsälen, aber auch um Literatur. Sehr gern wird das vielfältige kulturelle Veranstaltungs-angebot im Studio Bildende Kunst des Kulturrings in Anspruch genommen. Viele meiner Kursteilnehmer bereichern selbst aktiv die hauptstädtische Kulturszene mit regelmäßigen Ausstellungen und dem Engagement in diversen Kunstprojekten oder Vereinen. Die Dankbarkeit für einen erteilten Rat, die gemeinsame Freude an einem besonders gelungenen Blatt, die Teilhabe an einem Erfahrungsschatz diverser Lebensläufe und Berufsfelder oder auch die gemeinsame Tasse Kaffee in der Arbeitspause sind sehr schöne Momente in meinem Kursleiter-Dasein. Möge das Studio Bildende Kunst als Refugium gemeinsamer künstlerischer Wegsuche, ohne Konkurrenzgehabe, inmitten einer vordergründig pekuniär intendierten Außenwelt noch lange Bestand haben! Neue Mitstreiter und Mitstreiterinnen sind immer herzlich willkommen!
Radierung (Senioren): Donnerstag 9 bis 12 Uhr
Aktzeichnen: Dienstag 18.30 bis 21.30 bzw. Sonnabend 10 bis 16 Uhr.
Anmeldung bitte unter sandra@srienaecker.com oder Studio Tel. 5532276. Außerdem im Studio: Radierungen mit Kursleiter Georg Bothe Donnerstag 19 bis 22 Uhr.


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