Kulturnews 07/2017

Dagmar Gleim:

Klirrende Kälte

Foto: Elfriede Krüger

Trotz lang ersehnter sommerlicher Temperaturen, Bilder von kristalliner Schönheit faszinieren in jeder Saison. Der Kulturring in der Ernststraße 14/16 zeigt in seiner Ausstellung „Polargebiete“ Fotos aus den kältesten Regionen der Erde und vermittelt damit den Eindruck, dass auch die knackigste Kälte der dortigen landschaftlichen Schönheit nichts anhaben kann. Im Gegenteil, sie wird durch die glasklare, kalte Witterung eher hervorgehoben. Elfriede Krüger hat dem Publikum eine Auswahl von ihren stimmungsvollen Bildern zur Ansicht gebracht, denen es an Ästhetik und Vielfältigkeit im Permafrost nicht mangelt. Eisgebilde sind Zauberwerke, obwohl die Bausteine kalt und farblos sind, keinen nennenswerten Geschmack haben und nur einen neutralen Geruch ausströmen. Trotzdem kann Eis einen Sinnesrausch verursachen. Vor allem der visuelle Sinn erliegt dem schimmernden Glanz der nahezu weißen Eisgebilde, bestehend aus sechseckigen Kristallen, die, übereinander gelagert, das Licht auf vielfältige Art brechen. Mal erscheint es farblos, mal weiß und in dicken Schichten schwach blaugrün schimmernd.
Es geht ein starker Reiz von dem aus, was wir Mitteleuropäer mit Frost, Kälte und roten, wunden Nasen in Verbindung bringen. In dieser wundervollen, überraschend sehr heterogenen Landschaft, existiert über und unter Wasser eine vielfältige Tierwelt, die in diesem karg anmutenden Lebensraum heimisch geworden ist. Pinguine, Robben und Wale sind die bekanntesten. Beide Pole haben das Potenzial, stimmungsvolle und Sehnsucht weckende Motive zu bieten. Krüger, 80 Jahre alt und im Auftreten jung geblieben, hat sie mit ihrer Kamera auf die Speicherkarte gebannt. Siebenmal ist sie in die arktische Kälte gereist. Was trieb sie an, die ehemalige Lehrerin für Sport und Geografie. „Reine Neugier! Ich bin zuerst ganz unbedarft daran gegangen. Mit einem Expeditionsschiff ging es dann als erstes in die Antarktis. Ich war begeistert von den Eisformen, den Bergen, der Tierwelt.“ Erst später ist ihr bewusst geworden, dass es auch noch eine andere Kälteregion gibt, die Arktis. Hier leben u. a. Rentiere, Füchse und Eisbären, deren Neugier und Familiensinn schön zu sehen sind auf ihren Aufnahmen. Hier hat sie auch das Foto mit dem Sonnenaufgang geschossen, für das sie frühmorgens aufstehen musste. Mit der „Antigua“, einem ehemaligen Fischersschiff, das für die Passagierfahrt fit gemacht wurde, sind sie auf die Berge und Gletscher zugefahren, letztere, aufgrund der Lufteinschlüsse im Eis, mit einem grünen Schimmer versehen. Am Horizont ist der sonnenreflektierte rosa Hauch des noch müden Zentralgestirns zu sehen. Welch Reisender bestünde da noch auf Ausschlafen?
Bei aller subtilen und gleißenden Schönheit, ist ihr bewusst, dass sie ein gefährdetes, höchst fragiles Terrain betritt. Neben der eindrucksvollen Schönheit der Gletscher, des eigentümlichen Lichts, der Klarheit und des ungebändigten Wassers werden die Polargebiete oft im Zusammenhang mit der fortschreitenden Klimaerwärmung gebracht. Die Polkappen schmelzen, und die in dieser Region so wichtigen Dauerfrostböden drohen zu verrutschen und ebenfalls zu tauen. Eine lebenswichtige Grundlage, im wörtlichen Sinne, verschwindet damit z.B. für die Eisbären. Die hier heimische Fauna verliert ihr Biotop. Und dann ist da noch der Tourismus: „Als ich erstmals in der Antarktis war, war das Klima noch kein Thema. Nun gibt es bei jeder Expedition Referenten, die über die Pflanzen, Tiere und den Gletscherschwund informieren. Es wird darauf wertgelegt, dass der Müll am Strand von den Touristen eingesammelt wird.“ Krüger erwähnt, dass man es gar nicht mehr übersehen kann, wie die Eisberge kleiner werden. Sie war ja schließlich siebenmal in den beiden Regionen, da hat sie viele Änderungen wahrgenommen. Einmal seien sie über einen Gletscher gefahren, der ragte schon gar nicht mehr aus dem Wasser heraus. Das Foto mit dem futuristisch geformten Gletscher weist im Titel auf die Trauer hin, es lautet „Der weinende Eisberg“.

Foto: Elfriede Krüger

Die beiden sich voreinander verneigenden Pinguine der Königsklasse und die drei miteinander kommunizierenden und fressenden Eisbären geben jeweils ein typisches Bild der beiden sich gegenüberliegenden Regionen ab. Die sehr beliebten Ausflüge zu den Pinguinen sollen bei diesen zu purem Stress führen. Krüger hat es anders erlebt: „Die Pinguine haben Zugang zu den Menschen gesucht, waren neugierig und haben an den unseren Beinen geknabbert.“ In der Arktis mussten sie ein Gewehr tragen, um sich vor den Eisbären, immerhin Raubtiere, schützen zu können. Die Waffen waren mit Platzpatronen geladen.
Durch den Tourismus entstehen auch florale Schäden: Werden Pflanzen durch Fußtritte oder Fahrzeugspuren zerstört, braucht die Vegetation Jahrhunderte, um sich wieder zu regenerieren.
Es hat sie so oft hierhin geführt. Auch ihr ist es bewusst, dass diese eisigen Erdkuppeln gefährdet sind, und sie führt den Klimawechsel an, der Fauna und Flora bedroht.
Wie fühlt sich das an für die Reisende, die gerade auch mit ihren Bildern auf dieses fragile Ökosystem aufmerksam machen möchte, angesichts der Tatsache, dass sie es in dem Moment den vielen anderen Touristen gleichtut. Sie muss auch mit dem Auto zu den von ihr gewählten Regionen gebracht werden; ohne einen Schritt kommt sie nicht an ihr Motiv ran. Krüger schüttelt den Kopf. Sie seien mit kleinen Booten an Land gebracht worden und dann auf dafür vorgegebenen Pfaden in die arktische Natur gewandert. Fotografie ist ihre Passion, doch bei aller Exotik der Motive möchte sie, dass mit diesen Regionen achtsam umgegangen wird. In ihren eigenen Worten beschreibt sie die Schönheit und Vielfältigkeit der Eiszonen so: „Kein Lebensraum auf der Erde wird so sehr vom Eis in seinen unterschiedlichsten Formen geprägt wie die Polargebiete.“ Diese lassen Zauberwelten entstehen. Eine Tatsache, die sich in der Ausstellung auf ihren Bildern widerspiegelt. Krüger gehört dem Color Club Berlin (CCB) an, der regelmäßig in der Ernststraße ausstellt. Die Ausstellung läuft noch bis zum 11. August dieses Jahres.


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