Kulturnews 07/2017

Erika Krausnick:

20 Jahre zwischen den Farben

Varro, Öl, Foto: Erika Krausnick

Das Studio Bildende Kunst in der ehemaligen Villa Skupin ist ein wunderbarer Ort: Während in der Galerie zeitgenössische Kunst präsentiert wird, werden in den lichten Räumen des Ateliers die Staffeleien aufgebaut und die Farben gemischt. Es ist Maltag. Freizeitmaler und Kursteilnehmer genießen diese besondere Atmosphäre. Durch meine lebenslange Beschäftigung mit Kunst und Grafik habe ich ein großes verbindendes Element zur Malerei gefunden. Von 1990 bis 1992 an der MediaDesign München die Fachrichtung DTP-Grafik-Design zu studieren, war eine richtige Entscheidung nach der Vereinigung. Dies ermöglichte mir, als Autodidaktin am Gymnasium im Fachbereich Bildende Kunst zu arbeiten. Im Keller des Gebäudes waren Wände für Graffitis reserviert, keine Pinsel, sondern Sprühpistolen standen zur Verfügung. Keine figurativen Motive, sondern angelegte Farbinseln und Kompositionen waren gefragt – Graffitis, bunt, manchmal schrill und grenzenlos.
Alles war anders, als ich es bisher gewohnt war; aber ich konnte malen. Es war mein Wunsch, die Malerei nach meiner beruflichen Laufbahn zum bestimmenden Lebensinhalt zu machen.
Da begegnete ich 1997 bei einer Veranstaltung des Kulturrings Astrid Lehmann, und sie berichtete von vielen interessanten Projekten. Ich entschied mich, ein Ehrenamt zu übernehmen. Diese Begegnung ist nun 20 Jahre her. Ja, das kleine, idyllische Häuschen des Kulturbundes in der Karlshorster Schenkestraße, mit dem verwilderten Garten, das war damals mein erstes Malmotiv der Ölmalerei. Ab 1998 wurde im kleinen Atelier in der Gundelfinger Straße, später in der Hönower Straße, gemalt.
Es sind Interessierte, die der Malerei immer noch Jahr für Jahr die Treue halten, inzwischen im Studio Bildende Kunst. Beliebte Bildmotive im Aquarellkurs sind stille Landschaften, sanfte Farben und uferlose Weiten, die uns oft zur Vorsicht im Umgang mit der Natur ermahnen. Das Aquarell ist eine besondere Maltechnik, in der kaum etwas korrigierbar ist, sie ist aber erlernbar. Acht Teilnehmerinnnen malen inzwischen seit 20 Jahren. Eine multimedial ausgerichtete Gruppe von Senioren, mit Lebenserfahrung, vielen Enkeln und Urenkeln, trifft sich montags im Atelier, inzwischen seit 13 Jahren. Schaut man bei der Malerei zu, merkt man, dass die „Lust am Bild“ ansteckend wirkt. Neugierde treibt an und bei jedem Bild, das gemalt wird, kommt man dem Anspruch näher, den Gedanken die passenden Farben zu geben und eigene Ausdrucksmöglichkeiten zu finden – ob in Öl, Acryl, Pastell, Rötel oder Kreide.

Porträt, Pastell, Foto: Christiane Scheel

Es wird gemalt, gezeichnet, erzählt und auch gesungen. Hier bin ich nur Ratgebende und keine Kursleiterin; Mut machen, skizzieren, beim Mischen von Farben helfen. Über viele Jahre ist eine Gemeinschaft entstanden, wie man sich es kaum besser wünschen kann. Sie ist ruhelos tätig, und so manches entstandene Bild ist einer Farbenoper gleich. Die Malenden beneiden und bewundern sich einander. Sie schätzen sich.
Angenehm bewirtet, stimmt die Atmosphäre in der Werkstattpause. Mitunter werden auch mal heftige Diskussionen zum Beispiel über Erdogans Politik geführt, über Aktuelles wird berichtet, oder der Besuch im Barberini ausgewertet. Man diskutiert über Gerhard Richters Bild „Grau“, das die unterschätzten Möglichkeiten gerade dieser Farbe vor Augen führt. Oder über die „Bauernschuhe“ von Vincent van Gogh und die damit einhergehende neue Auffassung von Schönheit. Ein lebendiger Ort der Begegnung und Kultur eben. Beliebte Veranstaltungen der Teilnehmer sind u.a. der Carlshorster Salon, die Berliner KulturTour und das Galeriefrühstück.
Spannende Malstunden bietet der Acrylkurs, anspruchsvoll in der Maltechnik, im Experimentieren und nicht der traditionellen Malerei verpflichtet. Hier findet die Malweise des Auftragens von dicken Farbschichten, teils großzügig aufgebaut, teils invasiv abgetragen, großer Beliebtheit. Es entstehen Bilder, die Eingang in eine äußerst expressive Malweise finden, die aber in der Nahsicht gänzlich in opulente Farbkumulationen zu verfallen scheinen und doch vom entfernten Betrachterstandpunkt aus nie die Figuration verlieren. Dies sind Malstunden, die den Teilnehmern helfen, sich im stürmischen Wirrwarr der Gedanken, Gefühle und Ereignisse zurechtzufinden. So ist es ein Privileg, nun schon seit 2004 im Atelier malen zu dürfen. Möge ich dort noch lange die Farben mischen, zur Begegnung und zur Freude, und meinen ganz persönlichen Beitrag zur kulturell-künstlerischer Betätigung leisten.


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