Kulturnews 05/2017

Jens Nedel:

Ein Lob den kleinen Dingen

Foto: Archiv

Lesezeichen, was ist das eigentlich für ein Ding ? Ist es einfach nur ein Objekt, das uns das Leben bzw. das Lesen leichter macht, ansonsten aber nutzlos ist, oder eine Sache die unbemerkt das Leben bzw. das Lesen schöner macht, ohne dass wir es bemerken? Lesezeichen sind im Grunde überflüssig, weil ein Papierschnipsel, eine Postkarte oder ein Kassenbon die Buchseite genauso gut markieren kann. Oder wie der berühmte Regisseur Steven Spielberg einmal gesagt hat: „Warum soll man einen Dollar für ein Lesezeichen ausgeben, wenn man den Dollarschein genauso gut als Lesezeichen verwenden kann?“ Hier aber irrt der hoch geschätzte Mr. Spielberg, denn im Gegensatz zu einem Geldschein können sich die meisten von uns an ein besonders schönes oder geliebtes Lesezeichen erinnern. Der Mensch ist auf der Suche nach Schönheit. Sein Tun wird in weiten Teilen bestimmt von der Sehnsucht nach Schönheit. Die meisten Menschen kaufen ein Lesezeichen, weil sie es schön finden. Es ist eine Art Liebe auf den ersten Blick, oder ein Impulskauf, wie die Marketinggurus es nennen.
Unsereins, wenn er denn kein Eselsohr machen will, benutzt ein Lesezeichen als Möglichkeit, nach einer Leseunterbrechung die Textstelle rasch wieder zu finden. Denn anders als in der Legende besitzt nicht jeder eine dienstbare Fliege, wie der irische Mönch Coloman. Wann immer er seine Bibellektüre unterbrach, befahl er der Fliege, die stets auf seinem Kodex hin und her lief, genau auf jener Zeile sitzen zu bleiben, bei der er aufgehört hatte zu lesen, bis er wiederkäme, um an derselben Stelle seine Lesung fortzusetzen. Was die Fliege auch unfehlbar tat.
Die Notwendigkeit, nach einer Leseunterbrechung die Textstelle schnell wieder zu finden, führte zum Einlegen von Stoff- oder Lederstreifen. Bekannt ist jedenfalls, dass Elisabeth I. im Jahre 1584 ein seidenes Lesezeichen von ihrem Drucker Christopher Barker überreicht wurde. Im 18. Jahrhundert nähte man oben schmale Seidenbändchen mit ein. Während des Mittelalters erfreute sich das Leserad größter Beliebtheit, ein schmales Lederbändchen, auf dem eine bewegliche, drehbare Lederscheibe befestigt war, welche die Zeile markierte, die zuletzt gelesen wurde. Unbegreiflich, dass sich diese einfache wie geniale Idee nicht durchsetzte. Das Lesezeichen, wie wir es heute kennen, setzte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch. Mit der verstärkten Industrialisierung wurde das Lesezeichen immer mehr als Reklameträger benutzt. Es gibt kaum eine Botschaft, die sich nicht über Lesezeichen transportieren lässt. Mit der Reklamewelle, die eigentlich kein Erzeugnis unberührt ließ, wurden auch Lesezeichen zu billigen und wirksamen Werbemitteln für Artikel aus fast jeder Branche. Selbst zu Propagandazwecken wurde das Lesezeichen verwendet. Heutzutage wird auf Lesezeichen vor allem für Verlagserzeugnisse geworben.
Die meist hervorragend gedruckten Lesezeichen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wichen nach und nach aus Kostengründen billigeren Erzeugnissen. Findige Hersteller von Lesezeichen ließen sich auch Ungewöhnliches einfallen, denn weder Material noch Form setzen dem Lesezeichen Grenzen. Mögen die Apologeten des Digitalen Zeitalters auch noch so laut das Ende des Analogen ausrufen, alle Versuche, das Elektronische Buch bzw. das Online-Lesen als neues Leitmedium zu etablieren, sind gescheitert. Die Verkäufe stagnieren, und die meisten Leser geben an, online keine langen Texte lesen zu wollen. Das gute, alte Buch hingegen feiert zusammen mit der Schallplatte fröhlich seinen x-ten zweiten Frühling. Einer der Gründe dafür ist, dass das E-Book ein unpersönliches und gleichförmiges Produkt ist, ohne optische oder haptische Schönheit. Das gilt auch für das digitale Bookmark. Eingestehen muss man allerdings, dass es kinderleicht ist, in einem E-Book eine bestimmte Passage oder Textzeile wieder zu finden, aber kein digitales Bookmark sagt etwas über seinen Leser aus. Das klassische Lesezeichen hingegen vermag jeden x-beliebigen Bestseller zu individualisieren und zu einem Teil von uns zu machen. Ironischerweise ist gerade das Internet voll von Bastelanleitungen und Tutorials für ein Kultur- Accessoire eines angeblich sterbenden Mediums. Es besteht also kein Grund zu echter Sorge, denn solange es „echte“ Bücher gibt werden Grundschüler überall auf der Welt für ihre Lieben Lesezeichen basteln. Das Lesezeichen verbindet Raum und Zeit, setzt Raum- und Zeitmarkierungen. Es verbindet die Zeit des Lesens mit der Zeit des Lebens, und deshalb sollten wir diesem wunderbar nützlichen Schnickschnack ein wenig mehr Wertschätzung und Liebe entgegenbringen. Weil das Lesezeichen von der Schönheit lebt, haben wir der Schönheit des Lesezeichens mit unserer Ausstellung „Die wundersame Welt der Lesezeichen“ eine kleine Liebeserklärung gemacht.
Danke Lesezeichen, du bist wunderbar!!!
Eine kleine Auswahl von Lesezeichen präsentiert die Schaufenstergalerie des Medienpoints Steglitz ab dem 03.05.17 bis 31.05.17.


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