Kulturnews 05/2017

Dagmar Gleim:

Alles haben sie verwüstet, diese Tiere

Am 22 Juni 1941 hat Konrad Wolfs friedliche Kindheit in Moskau ein jähes Ende. Trotz des Nichtangriffpaktes wird die Sowjetunion von Deutschland überfallen. Der daraus entstehende Krieg zieht eine Blutspur mit Millionen Opfern hinter sich her.
Dank Wolfs Aufzeichnungen in seinem Tagebuch wird dem Leser ein Krieg näher gebracht, dessen Bilder, trotz der aktuell verstörenden Nachrichten über die grausamen Verbrechen des sog. IS und die Verwüstungen in Aleppo, schwer zu ertragen sind. Im Jahre 2015 wurden die Kriegsaufzeichnungen Wolfs herausgegeben. Sie bieten dem Leser einen aufschlussreichen Eindruck vom Alltag und Kriegsgeschehen. Neu ist, dass hier ein Deutscher aus russischer Perspektive schreibt.
Im Dezember 1942 wurde Konrad Wolf, der spätere DDR-Filmemacher, im Alter von 17 Jahren in die Rote Armee einberufen. Im Januar 1943 kam er an die Front. Er gehörte der Politabteilung der 47. Armee an, die kämpfend den langen Weg vom Kaukasus bis Berlin zurücklegte. Sein Verdienst war und ist die Bewahrung der Erinnerung, die anschauliche Darstellung, einer existentiellen Not ausgesetzt zu sein, und es doch schildern zu können, Aufklärung bieten und abschrecken zu können sowie all dies filmisch zu sublimieren.
Die Tagebücher erschienen zu Wolfs 90. Geburtstag. Der Herausgeber Paul Werner Wagner realisierte das Werk in einer Zusammenarbeit mit Günther Drommer für die Textauswahl und dem Übersetzer der in Russisch verfassten Tagebücher, Jürgen Schlenker. Es wurde ein ehrgeiziges Ziel anvisiert. Das Buch ist eine Fakten- und Dokumentenschwemme, gestopft voll mit Informationen. Diese geben zwar dem sehr persönlichen Teil, den Eintragungen und Briefen Wolfs, einen angemessenen Halt. Aber dieser Rahmen hat es in sich. Er besteht aus Vorwort, Nachwort, Fußnoten, Briefen, Protokollen, Kartenwerk und der CD mit dem Video seines 1968 realisierten Films „Ich war neunzehn“. Einfach drauf los zu lesen, traut man sich da gar nicht mehr. Das muss kein Nachteil sein, im Gegenteil. Mit dieser Art Einkleidung gibt es Geschichtsunterricht gratis dazu. Es birgt nur die Gefahr, dass man das Eigentliche, die Schilderungen des Kriegs, ein bisschen aus den Augen verliert, es ist immerhin eines der besten und authentischsten Zeugnisse dieser gewaltigen Schlachterei vor rund acht Dekaden.
In der Nähe des von Deutschen besetzten Kuban, einer Region im nördlichen Kaukasus, beginnt der Verfasser Wolf mit der Niederschrift seines Kriegstagebuches über den Aufenthalt hinter und direkt an den östlichen Fronten des Zweiten Weltkrieges. Gleich zu Beginn seiner Berufung am 20. März 1943 schildert er die unappetitlichen Konsequenzen eines Luftangriffes: Die Detonationen häuften sich… Links der Straße lag ein Soldat mit zerfetztem Leib. Eine Bombe von etwa einer Tonne hatte ein Gebäude getroffen. Das ganze Haus war auseinander geflogen: Schutt, Asche, Stöhnen. Eine alte Frau saß auf den Resten ihres Hauses, ganz weiß vom Kalk. Laut sprach sie ein Gebet, das bald Gesang, bald Wehklage war. Aus den Trümmern tauchten andere Menschen auf: entstellt, weiß vom Kalk.

Filmszene - Ich war neunzehn, Foto: progress, Werner Bergmann © DEFA Stiftung

Aber die Tage können sich im Krieg auch ziehen. In Zeiten ohne besondere Vorkommnisse schlug man sich die Zeit tot, spielte Domino, Schach und Karten. Für den Leser möglicherweise nicht nachvollziehbar, es herrschte ja Krieg, die Armee stand kurz vor dem Ausrücken gen Westen. Trotzdem wurde getanzt bis zum Umfallen: „Noch lange hörte ich aus dem Zimmer…das Singen und Stampfen. Die Zeit wird fröhlich verbracht. Die Menschen wollen nun ihre Freizeit genießen. Deshalb verbringen sie ihren Tag mit Liedern, Tänzen und Kartenspiel.“ Es klingt, als sängen sie sich Mut an und verdrängten, was die Erschütterungen ihnen anrichten könnten. Ein Beispiel der Arglosigkeit vor der großen Schlacht, die noch zwei Jahre anhalten sollte. Und trotz der gerade erlebten schrecklichen Bilder, nach dem feindlichen Beschuss.
Wolfs Tage sind wohl weitestgehend mit Schreibarbeiten gefüllt. Immer wieder ist die Rede von Übersetzungen, der Aufnahme und Weiterleitung von Nachrichten sowie Korrekturen von Handbüchern und Sprachübungen unter seiner Leitung. Anfang Juni 1943 wird er zum Unterleutnant und Dolmetscher ernannt. Es ist eine Vermutung, für die das Buch keine Bestätigung bietet, dass Wolf möglicherweise wegen seiner nachrichtdienstlichen und aufklärenden Tätigkeiten glücklich davon gekommen ist. In einem Brief vom 16.2.1945 an seine Schwester bedauert er, in keine Kampfhandlung verwickelt zu sein. Zu dem Zeitpunkt ist er schon ca. 86 Kilometer von Berlin entfernt, also kurz vor dem Ziel: „…ich muss Dich enttäuschen, dass ich keine Kampferfolge zu verzeichnen habe und keinen einzigen Angriff mitgemacht habe.“
Ein roter Faden, der sich immer wieder durch seine Aufzeichnungen zieht, ist die schlechte Versorgung. Immer wieder klagt er über Hunger, desgleichen ist sein Schuhwerk nicht geeignet für lange Märsche. Das Tagebuch verdeutlicht, wie schlecht ausgerüstet die sowjetischen Soldaten noch im Frühjahr 1943 sind und welch umständliche Bürokratie in der Armee herrscht. Weil Wolf bestimmte Dokumente fehlen, vergeht bis zu seiner Bestätigung als Rotarmist eine ziemlich lange Zeit. In dieser Zeit bekommt er keinen Sold und muss mit dem mitgebrachten Geld auskommen. Er hatte sich immer wieder bemühen müssen, ordentlich Kleidung und Schuhwerk zu bekommen.
Im Klappentext wird die Erwartung gedämpft, dass die Aufzeichnungen etwa literarische Qualitäten hätten. Dem muss aus zweierlei Gründen widersprochen werden: Für einen jungen Menschen, er ist 17 Jahre alt bei seiner Einberufung, und für dieses Alter hat er eine sehr klare Sprache, die nichts Weinerliches, Sentimentales, Unnötiges zu berichten hat. Er stellt es realistisch dar: „Wie wir leben, so schreiben wir es auf.“ Man erfährt, dass der Kriegsalltag selten so aussieht, wie es Klischees aus den Medien vorgeben. Zum anderen ist unter den Bedingungen gar nicht zu erwarten, dass Lyrik der Stil der Wahl ist. Dieses ist ein unnötiger Hinweis des Herausgebers. Angesichts des Krieges und seiner schwer zu ertragenden „Bilder“, sieht Wolf selbst ein, nichts Poetisches verfassen zu können: „Armes Tagebuch…, doch was soll man machen..“
Für die schwer zu ertragenden Geschehnisse darf hier ein weiteres Beispiel nicht fehlen. Am 21. April, kurz vor Kriegsende, sieht Wolf in Oranienburg das Konzentrationslager Sachsenhausen, das „lediglich“ als Durchgangslager galt. Dort trifft er auf todkranke und ermordete Häftlinge: „Wir finden deutsche Antifaschisten, fast ausschließlich noch sehr junge Menschen. Mein ganzer unausgegorener Hass gegen die Deutschen findet in einer abfälligen Bemerkung seinen Ausdruck.“
Er hatte die Befreiung Majdaneks, Auschwitz und des Warschauer Ghettos unmittelbar erlebt. Die Nachhaltigkeit solcher Eindrücke bleibt ein Leben lang. Für Wolf ist deshalb die Arbeit mit dem Lautsprecherwagen, mit dem er die deutsche Bevölkerung aufklären konnte, am wichtigsten. In seinen Sendungen rief er den Wehrmachtssoldaten die Wahrheit über Krieg und Faschismus zu und forderte sie auf, ihren sinnlosen Widerstand aufzugeben.
Was gibt es sonst noch zum Buch zu sagen: Beim Lesen ist es ärgerlich, dass die Fußnoten nicht unten auf der derselben Seite, wie es der Natur nach hätte sein sollen, angebracht wurden, sondern etliche Seiten weiter Aufschluss geben, was erläuterungswert ist. Da müssen bei einer Taschenbuchausgabe die vorderen Seiten so weit weggedrückt werden, bis sie drohen, aus der Bindung zu reißen. So ist diesem Buch mit seinen vielen und vielfältigen Informationen, ähnlich einer wissenschaftlichen Arbeit, am besten mit kleinen bunten Klebezetteln und Lesezeichen beizukommen. Aber das mindert nicht die Leistung der Herausgeber, die Informationen stehen ja zur Verfügung, quasi wie ein Buch im Buch.
Wolfs Aufzeichnungen enden am 18. April 1945, kurz vor der deutschen Kapitulation. Unmittelbar nach Kriegsende wird er Korrespondent der „Berliner Zeitung“, später Kulturreferent in der Informationseinheit der Sowjetischen Militäradministration in Halle. In sowjetischer Uniform gekleidet, trat er 1945 vor ein studentisches Publikum, um über die Perspektive der deutschen Jugend in einer antifaschistischen und demokratischen Ordnung aufzuklären. Er wurde mit einem auf der Tafel gemalten Galgen begrüßt. Für die Deutschen damals hatte er auf der falschen Seite gestanden, also auch gegen sie gekämpft. Zumindest so kurz nach dem Krieg wollten viele der Besiegten nicht so schnell begreifen, wer sie in diese Lage gebracht hatte. Wem so viele nachgelaufen waren, wem sie Treue geschworen hatten. Aber auch auf der Seite der Sowjetunion und ihrer antifaschistischen deutschen Helfer hätte man die Ablehnung antizipieren können. Auch Deutsche hatten Opfer zu beklagen, waren unter falschen Vorgaben einfach in die große Schlacht geschmissen worden, ohne wenn und aber und ohne Aussicht auf einen Sieg. Gleichwohl waren nicht alle den Lockungen eines Großreiches mit homogener Bevölkerung erlegen. Die Deutschen haben sich lange die Augen reiben müssen, um zu begreifen, was stattgefunden hat. Wolf kämpfte zeit seines Lebens mit den Mitteln seiner Kunst um eine sozial gerechte Welt und verstand sich als Brückenbauer zwischen Deutschen und Russen. Vielleicht hat er erkannt, dass zu einer Versöhnung, zu gegenseitiger Akzeptanz und Hinwendung zu demokratischen Prinzipien nicht nur Aufklärung gehört, sondern vor allem Zeit. Ihm selbst blieb nicht viel Zeit. Konrad Wolf starb im Alter von 56 Jahren in Berlin an Krebs.
In der am 9 . Mai stattfindenden Lesung im Kulturbund Treptow findet der Gast Gelegenheit, sich mit dem Laudator Günther Drommer auszutauschen. Drommer ist sachkundig in der Materie. Auch den Brief-Band von Konrads Bruder Markus lektorierte er.


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