Kulturnews 05/2017

Reinhardt Gutsche:

Kühne Stahlkonstruktionen in Alt-Glienicke

Achim Kühn 2014, Foto: SpreeTom, CC BY-SA 3.0

Wer kennt sie nicht, die kunstvoll geschmiedeten 117 Buchstaben „A“ an der Eingangspforte der Berliner Stadt- und Landesbibliothek in der Breiten Straße oder den Springbrunnen auf dem Strausberger Platz? Das sind nur einige Preziosen des 1967 gestorbenen Metallbildhauers Fritz Kühn. Er zählte zu Deutschlands berühmtesten Metallkunst-Skulpteuren, war ein international anerkannter Lehrmeister und Theoretiker für Stahl- und Metallgestaltung und gehörte zu Europas Wegbereitern von der ursprünglichen Schmiedekunst hin zu neuen Formen. Als er nach dem Tode seines Vaters 1967 die Werkstatt des Meisters übernahm, trat der gelernte Kunstschmiede-Meister, Architekt und Metall-Restaurator Achim Kühn damit in die großen Fußstapfen einer auf den Großvater zurückgehenden Familientradition.
„Achim Kühn - Atelier für Stahl-und Metallgestaltung“ - so steht es am Eingang eines früheren Pferdestalls in der Richterstraße 6 unweit des S-Bahnhofes Grünau. Auch der Sohn widmet sich mit Vorliebe dem bebauten Raum. Über 80 Werke der Kunst am Bau nach Kühn‘schen Entwürfen, davon über 60 im öffentlichen Raum, stehen in vielen Orten Deutschlands und in europäischen Nachbarländern, darunter die Altarrückwand „Zelt Gottes unter den Menschen“ im Kirchenzentrum St. Trinitatis in Leipzig, die fünf Meter hohe Skulptur „Gebändigte Kraft“ in der historischen Halle der Berliner KNORR BREMSE AG oder der „Harmonia“-Brunnen im alten Werftbecken von Turku/Finland, eine 7,5 Meter hohe und 3,5 Tonnen schwere, auf einen ausgedienten Werftkransockel montierte Walflosse aus seewasserfestem Edelstahl, ein Werk aus dem internationalen, UNESCO-geförderten „Sculpture-City-Projekt“ in der südfinnischen Hafen- und Universitätsstadt, an dem Achim Kühn als einziger deutscher Künstler beteiligt war.
Nach Kriegsende wurde das Kühn-Atelier in zahlreiche Projekte der Denkmalpflege vor allem in Berlin einbezogen, so bei solch geschichtsträchtigen Gebäuden wie der Staatsoper, dem Zeughaus, der Humboldt-Universität, der Kommode, dem Kronprinzen- und Prinzessinnen-Palais, dem Berliner Rathaus, dem Ribbek- und Ermeler-Haus, der Marienkirche (Kupferportal), der Friedrichswerderschen Kirche (Erzengel Michael), dem Französischen und Deutschen Dom, dem Schauspielhaus (später Konzerthaus), dem heutigen Postmuseum (Gigantengruppe) und dem Marmorpalais in Potsdam (Bekrönungsfigur, Puttengruppe). Dabei brachte die Gezeitenwende 1989/90 mit ihren einschneidenden Bedingungsveränderungen für die Kunst im Öffentlichen Raum auch für das Atelier Achim Kühn substantielle Herausforderungen. Ursache war vor allem, dass Großaufträge des früheren Ost-Berliner Magistrats vom neuen Gesamtberliner Senat zum großen Teil nicht übernommen wurden. So blieb der rekonstruierte Adler für das Pankower Rathaus in der Werkstatt und schwebte erst mal als Fragment über den Köpfen der Atelier-Besucher. Auch für die Bronzetüren der Berliner Nikolai-Kirche, die Achim Kühn anfertigen sollte, hatte der Senat erstmal kein Geld. Dafür wurden die 900 berühmten Kühn‘schen Bänke auf Berlins Prachtstraße „Unter den Linden“, von der Designer-Fachwelt dereinst hoch gelobt, 1994 samt und sonders auf den Schrottplatz befördert und für fast eine Millionen DM durch „pflegeleichte“ EU-Einheitsbänke ersetzt. Das grämte den Künstler verständlicherweise sehr. Auch andere wertvolle Arbeiten waren aus dem öffentlichen Raum kurzerhand verschwunden...
Restaurierungen und die Rekonstruktion alter Denkmäler aus Metall sind heute eher die Pflicht, die freie Plastik die Kür. Aber auch gerade die kleineren Stahlkompositionen der „freien Plastik“ üben eine geheimnisvolle Faszination aus. „Der Weg durch die Welt der Plastiken von Achim Kühn eröffnet dem Betrachter ein vielschichtiges Raumerlebnis. Geprägt von Gegensätzen wird man eingebunden in ein Kräftespiel von Form, Farbe, Licht und Raum, das durch kinetische Plastik noch um eine Dimension des Klanges und der Bewegung erweitert wird.“ (Anette Schwarz) Nach eigenem Bekunden wohnen in der Brust des Metallbildhauers zwei Seelen: „Eine Seele, die ordnet, nach Regelmäßigkeit verlangt, Exaktheit und Klarheit zum Inhalt hat, die andere sucht nach Ursprünglichkeit, Dynamischem, auch Chaotischem,“ so Achim Kühn. Er versuche, „diese Seelen durch die Sprache des Stahls zu prägen“. Dabei stößt er im Prozess seiner Auseinandersetzung mit dem Widerstand leistenden Material und seiner Verformung buchstäblich auf die elementaren Zusammenhänge der Naturkräfte. Nur in Ehrfurcht und Respekt vor diesen Kräften und ihren Geheimnissen kann es dem Metallkünstler gelingen, dem Stoff jene beseelenden Formen abzuringen und in neue, oft verblüffende räumliche Zusammenhänge zu stellen. Bei Achim Kühn fasziniert das phantasievolle und spannungsreiche Spiel mit der Schwingung, der Bewegung, dem Licht, anderen Materialien, der Farbe usw. Dabei hält er entweder durch solche Verfahren wie Patinieren, Polieren, Schleifen oder Ätzen an der authentischen Farbigkeit des Materials fest oder setzt durch Auftragen von Lacken und Lasuren oder elektrolytische Einfärbungen bewusst materialkontrastierende Farbakzente. Die volle ästhetische Wirkung ist dann nicht auf die stumme Anschauung beschränkt, sondern kommt oft erst im Zusammenwirken mit anderen Naturkräften, wie Wind und Schwerkraft, oder kontextuellen Sekundäreffekten wie Raumkontrast, Lichtreflex, Transparenz, Klang usw. zur komplexen sensuellen Entfaltung.
Achim Kühn liebt aber auch die Kontraste des Materials selbst: In seinen Arbeiten sind oft das Schwere, Kompakte, Wuchtige in dynamische Beziehung gesetzt zu Leichtigkeit und Elastizität, die auf phantasievolle Weise unverhofft hervortreten und seinen abstrakten Konstruktionen lebendige Spannung verleihen, so etwa die Kontraste zwischen wuchtig statischem Schmiedeeisen und filigranen, elegant schwingenden Edelstahlstäben, zwischen geschlossener und offener Form, zwischen großen Flächen und kleineren Formelementen. Eine gedankliche Entsprechung findet dieses Prinzip in den passförmig zueinander gewandten oder aufeinander gerichteten Figuren wie „Mondkuss“ und „Sich Berührende“. Diese Liebe zum Widerspruch findet auch ihren Ausdruck in solchen Werkbezeichnungen wie „Vibrierende Stehlen“, „Klingende Stehlen“, „Balance“, „Gegensätze“ usw. Philosophisch gesehen ist Achim Kühn wohl ein Dialektiker unter den Metallkünstlern. Der Betrachter ist letztlich erstaunt, welche Spannung, Ausdruckskraft aber auch Poesie von einem solch spröden Stoff wie Stahl von meisterlicher Hand entlockt werden können.
Achim Kühn kann mit seinen 75 Jahren auf ein beeindruckendes kreatives Lebenswerk zurückblicken und ist darin ein würdiger Nachfolger, aber auch eigenständiger Fortsetzer des künstlerischen Erbes seines berühmten Vaters. Ein solches Jubiläum lässt an Goethes Brief an Auguste Gräfin Bernsdorf vom 17. April 1823 erinnern: „Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte, gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und Bäume, die wir jugendlich gesät und gepflanzt. Wir überleben uns selbst und erkennen durchaus noch dankbar, wenn uns auch nur einige Gaben des Leibes und Geistes übrig bleiben. Alles dieses Vorübergehende lassen wir uns gefallen; bleibt uns nur das Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der vergänglichen Zeit.” Metallskulpturen wie die von Achim Kühn verkörpern wohl mehr noch als die Werke anderer Gattungen diese menschliche Sehnsucht, „das Ewige in jedem Augenblick“ zu sehen und alles Vorübergehende abzustreifen. Herzlichen Glückwunsch, lieber Achim Kühn, und für die vergönnte Zeit noch hinreichend „Gaben des Leibes und des Geistes“ für viele schöne Metallskulpturen.


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