Kulturnews 05/2017

Michael Nungesser:

Renata von Hanffstengel. Bilder aus Mexiko – ein Nachlass zu Lebzeiten

Wassernot am Stadtrand, 1970er Jahre, Foto: Renate von Hanffstengel

Die Vereinigten Staaten von Mexiko sind ein großes Land, ein Land voller Gegensätze, uralt und jung zugleich. Ehemalige Pyramidenstädte erinnern an die prähispanischen Hochkulturen, die vor der gewaltsamen Konquista existierten. Klöster, Kirchen und Paläste sind stumme Zeugen der danach rund drei Jahrhunderte lang währenden Kolonialherrschaft. Rund 10 bis 15 Prozent der heutigen Bevölkerung in Mexiko gehören zu den Ureinwohnern, die überwiegende Mehrzahl sind Mestizen, hervorgegangen aus der Verbindung von Spaniern und Indigenen. Bis heute spielt der Katholizismus eine dominante Rolle, mit indigenen religiösen Bräuchen vermischt. Mexiko, ein Land der Naturschönheiten und der Naturkatastrophen, ein Land der Armut und der Moderne, der Traditionen und des Tourismus.
Viele dieser Facetten hat die heute 82-jährige Fotografin Renata von Hanffstengel in ihren Aufnahmen festgehalten, vor allem in den 1970er und 1980er Jahren, die auch in der Retrospektive der Fotogalerie Friedrichshain im Zentrum stehen. Sie hat die Atmosphäre der unterschiedlichen Landschaften und Vegetationen Mexikos eingefangen und mit fast enzyklopädischer Genauigkeit vor allem barocke Architekturdenkmäler abgelichtet, einschließlich ihres dekorativen plastischen Reichtums. Aber sie hat auch urbanes Leben dokumentiert oder die Folgen des schrecklichen Erdbebens vom 19. September 1985, das viele Tote, Obdachlose und zerstörte Gebäude in Mexiko-Stadt hinterließ. Immer wieder hat sie sich auch der Menschen angenommen – der Landbevölkerung und ihren traditionellen Handwerkskünsten, der Kinder, die von früh an zum Lebensunterhalt beitragen müssen, und immer wieder der Frauen, für deren Würde sie in einem vom Machismo geprägten Land eindrücklich bildnerischen Ausdruck fand.
Renate, wie sie ursprünglich hieß, wurde 1934 in Kiel geboren. Ihr Vater war Deutscher, ihre Mutter Mexikanerin. Als dunkelhäutiges Kind in Nazideutschland aufzuwachsen, bedeutete eine zwiespältige, oft bedrängende und nachhaltige Erfahrung. Nach dem Kriege sammelte Renate als in Hamburg ausgebildete Tanzpädagogin Bühnenerfahrung. Doch 1954 wanderte sie der Liebe wegen nach Kanada aus, ging zum Studium in die USA, schließlich nach Mexiko.
Seit 1962 lebt Renata von Hanffstengel in Mexiko-Stadt und hat die mexikanische Staatsangehörigkeit. Sie unterrichtete viele Jahre Germanistik an der Universität, später arbeitete sie auch als Reiseleiterin. 1978 bis 1981 studierte sie noch einmal an der Humboldt-Universität (wo sie 1994 über den Schriftsteller Bodo Uhse promovierte). Sie war damals zugleich Kulturattaché an der Mexikanischen Botschaft in Ost-Berlin, fotografische Eindrücke stammen auch aus dieser Zeit. In Mexiko-Stadt gründet sie dann das Interkulturelle Forschungs-Institut Mexiko-Deutschland, das sich besonders dem antifaschistischen Exil nach 1933 widmet. 1992 erhielt sie für diese Arbeit das Bundesverdienstkreuz erster Klasse.
Zur Fotografie kam Renata von Hanffstengel vorwiegend als Autodidaktin, im engen Kontakt und Austausch mit Fotografen wie Lázaro Blanco und José Luis Neyra. Sie gehörte in Mexiko wichtigen Fotovereinigungen an, war 1977 Mitbegründerin des „Mexikanischen Rates für Fotografie" und später Redaktionsmitglied der Zeitschrift Fotozoom. 1978 nahm sie am berühmten „Ersten Kolloquium Lateinamerikanischer Fotografie" in Mexiko-Stadt teil und besuchte ein Seminar der emigrierten deutschen Fotografin Gisèle Freund, mit der sie fortan eine Freundschaft verband.
Sie schrieb Artikel über Fotografie, veröffentliche Fotomappen und das Buch „Los árboles mueren de pie. Bäume, Bilder, Blätter", das Aufnahmen aus Mexiko und Deutschland verbindet, begleitet von Gedichten deutschsprachiger Autoren. Ein Foto von ihr bildete das Motiv einer mexikanischen Briefmarke. Renata von Hanffstengel hatte zahlreiche Ausstellungen, in Mexiko, den USA und 1981 in den Buna-Werken in Schkopau. Nun ist erstmals ein Querschnitt ihres Werkes in Deutschland zu sehen – ein Rückblick, denn der Beginn der digitalen Fotografie bedeutete für sie auch das Ende der professionellen Arbeit mit der Kamera. Ihr Nachlass soll an das Ibero-Amerikanische Institut in Berlin gehen.

(bis 5. Mai 2017, Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin, Di, Mi, Fr, Sa 14-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, www.fotogalerie.berlin)


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