Kulturnews 04/2017

Carola Gerlach / Bernd Grünheid:

Die AG Rosa Winkel: Projekt Lesbenforschung

Luise Goldmann, geb. am 30.10.1913 im Israelitischen Krankenheim, Berlin N, Elsässer Str. 86, ermordet im Holocaust, Todesdatum unbekannt. Das nur als Kopie in der Akte vorliegende Foto schickte sie mit einem Brief an ihre Halbschwester Vera nach Berlin. Auf der Rückseite des Fotos ist vermerkt: Von deiner Schwester Luise im 24. Lebensjahr, Warschawa, im Januar 1938., Foto: (Passfoto: Entschädigungsamt Berlin)

Seit einiger Zeit beschäftigen sich die Forschungsprojekte der AG Rosa Winkel, die unter der wissenschaftlichen Anleitung von Dr. Carola Gerlach stehen, neben der Verfolgung von Homosexuellen auch mit dem Schicksal lesbischer Frauen in der NS-Zeit. Dazu wurden bereits viele Akten aus den Bereichen Fürsorgeerziehung, Justiz und Polizei gelesen.
Gleichgeschlechtliche Beziehungen von Frauen waren im Deutschen Reich justiziell nicht strafbar. Das gilt im Prinzip auch für die NS-Zeit, wenngleich das lesbisch-homosexuelle Leben aufgrund von Verboten der Zeitschriften, Clubs und Tanzbars nach 1933 zerstört wurde. Bemerkenswert ist auch die Denunziationswut von Nachbarn gegenüber lesbischen Frauen. Die Verfahren wurden meist von der Justiz eingestellt, die agierende Polizei (Kripo und Gestapo) aber führte genau Buch über festgestellte Liebesbeziehungen zwischen Frauen, auch bei anderen Delikten wie Abtreibung oder Kuppelei. Sie hielt die Frauen gern für sado-masochistisch und hegte den Wunsch nach Bestrafung. Der NS-Staat bot dazu die Möglichkeit in Ravensbrück, Uckermark, Fehrbellin u.a. Lagern.
Die AG Rosa Winkel beim Kulturring in Berlin e.V. wird in Zukunft dazu weitere Biografien von Lesben auf ihrer neuen, eigenen Website veröffentlichen. Das Schicksal von Luise Goldmann, die 1931 von ihrer Familie verstoßen wurde, soll hierbei als Beispiel für die bisher geleistete Forschungsarbeit gelten.
Luise Goldmann, Fürsorgezögling
In einer lauen Mainacht des Jahres 1931 wird die 17jährige Luise Goldmann von der Weiblichen Kriminalpolizei festgenommen, weil sie ohne Erziehungsberechtigten im Berliner Tiergarten spazieren geht. Sie wird sofort auf Geschlechtskrankheiten untersucht und bald darauf dem Erziehungsheim „Waldfrieden“ in Berlin-Lichtenrade zugeführt. Da der Vater, Georg Goldmann, seine Tochter wegen ihrer Leichtlebigkeit nicht mehr aufnehmen will, beschließt das Amtsgericht Charlottenburg die endgültige Fürsorgeerziehung der Minderjährigen.
Luise wuchs in einer streng gläubigen, jüdischen Familie auf, die kurz zuvor aus Lodz nach Berlin gekommen war. Ihre Mutter, Sara Goldmann, geb. Wissocki, starb am 6.11.1917 in Berlin. Der Vater, von Beruf Buchhalter und Kaufmann, heiratete nun Fradla Erdmann, die aus der Konfektionsbranche kam. Sie gründeten ein gut gehendes Geschäft für Damenmode in der Uhlandstraße 79 in Berlin-Wilmersdorf. An Feiertagen war Gerschon Goldmann als Schacharith-Vorbeter in der Jüdischen Gemeinde tätig. Luises Leben hätte einfach verlaufen können. Es gab genug Geld, und zur Victoria-Luise-Schule waren es nur ein paar Schritte. Aber die Stiefmutter lehnte das Kind als fremd und durch Rachitis missgestaltet ab, zerstörte die Liebe in der Familie.

Victoria-Luise-Schule, Berlin-Wilmersdorf, um 1928. Die Mädchen-Mittelschule wurde 1897 gegründet und 1939 aufgelöst. In dem Gebäude befindet sich heute das Goethe-Gymnasium., Foto: (Quelle: Goethe-Gymnasium Berlin-Wilmersdorf, Jahrbuch 1985)

Als Luise 15 war, versuchte sie, dieses Trauma zu überwinden. Sie entdeckte ihre Sexualität, verliebte sich auf ihrer Lehrstelle in eine Kontoristin, schwirrte mit ihr durch die bunte Lesbenszene von Berlin, trug kurze Haare und Männerkleidung und jubelte, ihr Vater werde ihr den Smoking schon noch bezahlen. Eine richtige Ausbildung allerdings konnte sie in ihrem Überschwang nicht ertragen, war mal hier, mal dort, blieb auch nachts oft weg. Im Heim galt Luise als ernst und belesen.
Im Jahre 1933 wurde sie aus der Fürsorgeerziehung entlassen. Eine feste Bleibe hatte die Neunzehnjährige nicht. Die Familie emigrierte später nach Palästina und New York, ohne Luise. Sie wohnte bei Frau Woike in der Konstanzer Straße 6.
Nach einer Haftstrafe wegen Diebstahls wurde Luise 1936 als polnische Jüdin des Reiches verwiesen. Sie flüchtete nach Warschau zu ihrer Tante Regina Cukier und schickte im Januar 1938 ein letztes Foto nach Berlin. 1940 wurde sie vom Sondergericht Krakau wegen Nichttragens der Judenarmbinde und als sogenannter Volksschädling zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und 1942 wahrscheinlich aus der Haft in ein KZ überstellt. Ihr Bruder Martin meldete 1955 bei Yad Vashem ihren Tod.
Quellen u.a.
LAB A Rep. 342 Nr. 5137 37 Jug G XII 342 Luise Goldmann Fürsorgeerziehung
LAB A Rep. 242, Nr. 6769 Luise Goldmann, Antrag auf Entmündigung
LAB A Rep. 358, Nr. 3216 (J) Joldmann: Strafnachricht für das Strafregister zu Berlin, Luise Goldmann 15.6.34 bis 17.12.40
Entschädigungsamt Berlin Registernummer 700997 Luise Goldmann


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