Kulturnews 04/2017

Dr. Gerhard Schewe:

Wenn ein Straßenschild erzählen könnte

Foto: André Osbahr

Kein Grabstein erinnert an sie, keine Gedenkstätte, kein Schulname... Lediglich zwei Straßen in dem großen Deutschland sind nach ihr benannt: eine in München, die andere in Berlin-Hellersdorf.
Die Rede ist von Carola Neher, „gefeiert auf der Bühne, gestorben im Gulag“, wie der Untertitel eines 2016 im Berliner Lukas-Verlag für Kunst und Geistesgeschichte erschienenen Buches über die zu ihren Lebzeiten berühmte, heute fast vergessene Schauspielerin lautet.
Straßenschilder, die einen Personennamen tragen, sind wie Stolpersteine: sie verweisen auf Lebensgeschichten, die oft auch ein Stück Weltgeschichte, ein Stück Welterfahrung beinhalten. Nur sind sie stumm; mit der Folge, dass das, wovon sie eigentlich Zeugnis ablegen sollen, trotz bester Absicht Gefahr läuft, allmählich in Vergessenheit zu geraten. So auch im Fall der Carola Neher. Anrainer und Passanten der nach ihr benannten Straße wissen vermutlich ebenso wenig über sie wie die Angehörigen der Berliner Theaterszene. Eine Herausforderung an die Erinnerungskultur!
Wer also war Carola Neher? Ein Münchener Volkskind, geboren 1900, aufgewachsen in den „Kohlrübenjahren“ des ersten Weltkriegs, Schauspielerin aus Passion, in erster Ehe mit dem Schriftsteller Klabund verheiratet. Engagements hatte sie in München, Nürnberg, Breslau, Wien und Frankfurt/M. Ab 1927 wird ihr das kulturell boomende Berlin zur künstlerischen Heimat. Es war auch der Beginn der Zusammenarbeit mit Brecht; sie spielt die Polly in der „Dreigroschenoper“, spricht im Rundfunk die Titelfigur der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“. Politisch lässt sie sich vielleicht denen zurechnen, die damals vor allem von den Nazis als „Salonbolschewisten“ bezeichnet wurden: Künstler und Intellektuelle, denen man ein idealisiertes, unkritisches und nicht ganz ernst zu nehmendes Verhältnis zur Sowjetunion unterstellte. Tatsächlich waren es dann auch eher private als politische Gründe, die Carola Neher veranlassten, Deutschland 1933 zu verlassen. Sie hatte ein Jahr zuvor den rumänischen Ingenieur Anatol Becker geheiratet, einen überzeugten Kommunisten, und folge ihm, erst nach Prag, dann nach Moskau. Inzwischen war ihr aber die deutsche Staatszugehörigkeit aberkannt worden, weil sie sich im Vorfeld der umstrittenen Volksabstimmung über die Zukunft des Saarlands gegen das Hitler-Regime ausgesprochen hatte. So konnte sie also mit Fug und Recht als politische Emigrantin gelten.

Carola Neher im Kostüm der Haitang, für Klabunds „Der Kreidekreis“, 1927., Foto: ©: Sammlung Georg Becker

Das sozialistische Experiment des sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufbaus einer neuen Gesellschaft übte damals in den Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren eine ungeheure Anziehungskraft aus. Tausende kamen voller Erwartung und Bereitschaft ins Land, mitzuwirken an dieser riesigen Aufgabe, so auch Carola Neher. Doch sie kam zu Unzeiten, gerade als diese Aufbruchstimmung durch den beginnenden Stalinschen Terror gegen die „Feinde der Sowjetmacht“ erstickt wurde. Und in den Verdacht, ein solcher zu sein, konnte jeder geraten; die Emigrantin musste es am eigenen Leib erfahren. Nach der Verhaftung ihres Mannes, der später als angeblicher Trotzkist erschossen wurde, geriet auch sie in das Räderwerk der politischen Prozesse. Unter der aberwitzigen Beschuldigung, Mitglied einer trotzkistischen Verschwörung zu sein, wurde sie zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt, die sie nicht überlebte. Sie starb am 26. Juni 1942 in einem Lager bei Orenburg, ein frühes Opfer jener „Jahrhunderttragödie“ enttäuschter Hoffnungen und zerstörter Ideale, wie Becher dieses dunkle Kapitel in der Geschichte des Sozialismus später bezeichnen sollte.
In der DDR wurde diese Tragödie mit Rücksicht auf die Unantastbarkeit der „deutsch-sowjetischen Freundschaft“ nach Möglichkeit verschwiegen. In der alten Bundesrepublik war sie ein Thema für Historiker, nicht aber für die Öffentlichkeit; die Münchener Straße erhielt ihren Namen erst 2013.
Seltsam unbemerkt blieb auch die Hommage, die der durch seinen Buchenwald-Roman „Die große Reise“ bekannte spanische Schriftsteller Jorge Semprun an Carola Neher richtete. Er nutzte den Rahmen des Weimarer Kunstfests von 1995, um auf einem sowjetischen Militärfriedhof sein beziehungsreiches Stück „Bleiche Mutter – zarte Schwester“ aufführen zu lassen, in dem das Exilschicksal der von Hanna Schygulla verkörperten Schauspielerin eine dominierende Rolle spielt.
Angesichts all dieser Tatsachen erhebt sich für uns natürlich die Frage nach denjenigen, die 1992 verantwortlich entschieden haben, der bislang nach einem ehemaligen DDR-Verkehrsminister benannten Straße ihren heutigen Namen zu verleihen. Wer waren sie? Und warum gerade dieser Name? Eine Geste der Wiedergutmachung, gewiss. Aber warum hier und nicht woanders? Fragen über Fragen, die vielleicht einmal ein Forschungsauftrag klären könnte. Denkbar wäre, dass die Eröffnung des Kulturforums Hellersdorf im Februar desselben Jahres hiermit zu tun hatte. Schließlich passte Carola Neher besser zu dem Haus als Erwin Kramer. Aber möglicherweise kennt jemand ja noch eine ganz andere Erklärung?
Wie auch immer. Der Kulturring hat die Lebenserfahrungen der Schauspielerin als mahnendes Vermächtnis angenommen. Besucher des Kulturforums kennen ihr Porträt und ihre Kurzbiographie.
Erinnerungskultur hat auch in der Carola-Neher-Straße Nr. 1 eine Heimstatt.


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