Kulturnews 03/2017

Peter Küsters, Bundesfreiwilliger:

„Ich möchte Hermann Hesse lesen!“

Sechs Monate „Medienpoint im Asyl“ – ein Erfahrungsbericht
Foto: J. Ringwelski

Seit Februar 2016 wird das Rathaus Friedenau als Notunterkunft für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge genutzt. Bis zu 400 Frauen und Kinder sind hier untergebracht. Vielfältige Unterstützung erhält der Betreiber der Unterkunft SIN e.V. von den 10 ehrenamtlich tätigen Arbeitsgemeinschaften der Bürgerinitiative „Friedenau hilft“. Die AG Bibliothek hat einen Teilbereich der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Bibliothek im Hochparterre des Gebäudes mit gespendeten Teppichen, Sofas, Schränken, Regalen, Zimmerpflanzen und einem Grundstock an Büchern ausgestattet und gemütlich eingerichtet. Einer Anfrage an den Medienpoint Steglitz nach weiteren Buchspenden konnten wir gut und gerne mit Bilder-, Kinder-, Sach- und Sprachbüchern bedienen.
Neugierig geworden auf die Tätigkeit dieser AG, erhielten meine Kollegin Kornelia und ich die Möglichkeit, unseren Bundesfreiwilligendienst beim Kulturring auf die Mitarbeit in dieser Arbeitsgemeinschaft auszuweiten. Zweimal wöchentlich, dienstags und donnerstags, unterstützen wir seither die Ehrenamtler und öffnen mit ihnen für jeweils zwei Stunden die Räume der ehemaligen Bibliothek. Bei den ersten Begegnungen mit den zumeist erst wenige Tage oder Wochen in Deutschland lebenden Flüchtlingen wurde klar, dass nur guter Wille sowie der Einsatz von Händen und „Füßen“ eine minimale Verständigung ermöglichen. Unser syrienstämmiger BFD-Kollege Afif aus dem Medienpoint Schöneberg wurde so zur idealen Ergänzung unseres Teams. Wenn möglich kommt auch seine Frau mit zu unseren Treffen, so dass unsere meist arabisch sprechenden Gäste sich verständlich machen können.
Zu Beginn unserer Tätigkeit kamen nur vereinzelt Bewohnerinnen vorbei und hatten meist praktische Anliegen, die ihre Unterbringung und aktuelle Situation betrafen. Erst nach und nach konnten wir ein paar Frauen zu regelmäßigen Besuchen gewinnen, um ihre in Sprachkursen frisch erworbenen Fertigkeiten mit uns zu festigen und zu erweitern. Auch Schülerinnen, die ihre Hausaufgaben mitbringen, kommen inzwischen regelmäßig vorbei, und Kinder, die wir gerne mit Bilderbüchern beschenken, ziehen meist glücklich und stolz auf ihren ersten Besitz wieder von dannen. Von der Vorstellung, Bücher zu verleihen, sind wir weitgehend abgerückt, dazu ist die Fluktuation im Haus zu groß. Außerdem können wir den Buchbestand aus Neueingängen im Medienpoint immer wieder ergänzen und erweitern. Auch spezifische Buchwünsche versuchen wir zu erfüllen, wie den Wunsch einer jungen Frau, die mich bei ihrem ersten Besuch total überraschte mit der klaren Ansage: „Ich möchte Hermann Hesse lesen!“.

Foto: J. Ringwelski

Neuankömmlingen übergeben wir mehrsprachige Willkommenshefte zur ersten Orientierung und einen reich bebilderten Grundwortschatz. Unsere Anwesenheit in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Bibliothek wurde gegenüber der Anfangszeit, in der wir unsicher und mitunter vergeblich auf Besucher gewartet hatten, mehr und mehr wahrgenommen. Entspannt, in fast familiärer Atmosphäre und im kleinen Kreis, bei Tee und Kleingebäck, sitzen wir im interkulturellen Dialog beisammen, und oft gelingt es uns auch, Fröhlichkeit und Lachen zu provozieren. Gegebenenfalls arbeiten wir auch in kleineren Gruppen, um bei individuellen Problemen und Aufgabenbestellungen zu helfen. Die meiste Arbeit hat dabei unser Kollege Afif, der mal hier, mal da ganz schnell einen Begriff oder Satz übersetzen muss. Viel Freude bereitet es uns, die sprachlichen Fortschritte und das wachsende Selbstbewusstsein der Flüchtlinge mitzuerleben. Die Abschlussprüfung des ersten Deutschkurses, auf die ich mit einer Teilnehmerin intensiv hingearbeitet habe, hat sie mit Bravour bestanden – das macht natürlich auch mich ein bisschen stolz. Besonders anrührend ist es, wenn unsere Besucher ihre Dankbarkeit ausdrücken und uns zum Beispiel mit selbstgemachter Pizza überraschen, die sie in mühsamer Arbeit auf einer Kochplatte, auf dem Boden eines Suppentopfes zubereitet haben. Jene zwei Stunden, die wir gemeinsam mit den Flüchtlingen verbringen, gehen angefüllt mit Reden, Gestikulieren, Nachfragen und Gefordert-Werden, schnell vorbei: aber fast jedes Mal, wenn wir die Unterkunft verlassen, bin ich mir mit Kornelia einig: wir haben etwas erreicht, denn wir sind uns wieder ein Stück näher gekommen, und es hat allen viel Spaß gemacht.


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