Kulturnews 03/2017

Reinhardt Gutsche:

Chaos und Ordnung in der Kulturbund Galerie

Foto: Brigitte Silna

Die kleine, aber feine Kulturbund Galerie des Kulturring in Berlin e. V. in der Ernststraße in Berlin-Baumschulenweg eröffnete das neue Ausstellungsjahr mit Farbholzschnitten des abwechselnd in Berlin und Venedig lebenden Berliner Malers und Grafikers Andreas Kramer. Das Grundmotiv seiner Arbeiten ist das Wechselspiel zwischen Chaos und Ordnung. In dessen Fähigkeit, Chaos zu erkennen, zu ordnen und zu dominieren, sieht Andreas Kramer ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen unter allen anderen Kreaturen. Dabei verspürt er eine Gegenläufigkeit in dem Drang, einerseits dem Chaos zu entkommen und es zu meistern, und andererseits der vom Künstler geteilten Lust, sich das Chaos zu bewahren. Diese Beobachtung hat eine nicht zu übersehende, antizivilisatorische Färbung, wenn er über das Erscheinungsbild der industriell genormten und konformistischen Großstadt-Moderne schreibt: „An Stelle der unendlich vielen Farben der Natur dominiert die einzige Unfarbe des Stahlbetons, mit der Folge, daß selbst die größten Ignoranten unter den Bewohnern der Graustädte beginnen, von einer fernen Insel zu träumen, auf der Licht und Farben aus der Anarchie des Überflusses herauszuquellen scheinen.“
Nun, wird man einwenden, solcherart Klagen seien nichts Neues, und die Kunstgeschichte seit der Romantik sei davon durchzogen. Aber anders als etwa Gauguin und viele andere Zivilisationsflüchter geht Kramer den umgekehrten Weg. Das Basislager seiner kreativen Abenteuer ist eine eher sympathische Vorstellung vom Chaos, in das es im Nachhinein einen Hauch von Ordnung und Struktur zu bringen gelte. Das geschieht in Gestalt von figurativen und kompositorischen Zitaten im Bildaufbau, die tief in die Traditionstruhe greifen. Die Inspiration findet er etwa in der frühgriechischen Antike mit ihren kykladischen Figuren in ihrer archaisch-primitiven Klarheit und Einfachheit, der italienischen Renaissance mit ihrem Rückbezug auf die antike Kunst und deren idealen Proportionen und harmonischen Maßverhältnissen, der farbopulenten Poesie der venezianischen Malerei eines Tizian, Giovanni Bellini, Giambattista Tiepolo, Vittore Carpaccio oder Paolo Veronese, aber auch in der karnevalesk-verspielten Verwandlungslust Venedigs oder der Commedia dell’arte.
Die zuvor umrisshaft im Kopf des Künstlers vorgedachte Dialektik von Chaos und Ordnung findet ihre Umsetzung in einem mehrstufigen Produktionsprozess, ohne allerdings dabei schon am Anfang genau zu wissen, was am Ende dabei herauskommen wird. Die Entfaltung der Bildkomposition geschieht gleichsam als „work in progress“, einer Abfolge von Arbeitsstufen ohne präzisen Endplan.

Abb.: Andreas Kramer

Kramers Farbholzschnitte sind zumeist mit mehr als drei Farben gedruckt, wobei für jede von ihnen ein separater Druckstock aus einer Holz- oder Sperrholzplatte angefertigt wird, die dann im Rhythmus der notwendigen Trockenphasen konsekutiv übereinander gedruckt werden. Dabei werden zwei Plattenkategorien unterschieden, diejenigen mit einer „chaotischen“ Zeichnung oder Zeichen sowie diejenigen mit „Ordnung“ assoziierenden abstrakten oder figurativen Zeichnungsmotiven und symmetrischer Bildkomposition. Die Funktion der bewusst Formchaos erzeugenden, in ihrer strukturlosen Unübersichtlichkeit und Ordnungsfeindlichkeit zumeist in Komplementärfarben überdruckten Platten ist es dabei, einen wilden, regellosen Untergrund zu schaffen. Erst wenn diese erste Phase abgeschlossen ist, beginnt die Herstellung der „geordneten“ Platten, deren zumeist symmetrische Komposition eine ordnende Balance zum „Chaos“ bewirken soll, also, wenn man so will, Kramer gegen Kramer.
Es sind diese figurativen Zitate mit ihren reduktionistisch-torsohaften Andeutungen, die beim Betrachter einen „Déja-vu“-Effekt auslösen. Mitunter ist man an Exponate eines Antike-Museums erinnert, wie etwa bei den einzigartigen freskenartigen, großflächigen Leinwanddrucken, die ihresgleichen suchen und schon allein den Weg in die Ernststraße lohnen.
Andreas Kramer bedient sich damit eines Verfahrens, das Umberto Ecco „ikonografische Intertextualität“ nannte: „Das Plagiat, das Zitat, die Parodie, die ironische Wiederaufnahme, das intertextuelle Spiel - sie alle sind typisch für die gesamte künsterisch-literarische Tradition“ und stellten in ihren „verschiedenen Wiederholungsarten charakteristische Konstanten des künstlerischen Vorgehens“ dar. Der Topos sei in der semiotischen Enzyklopädie des Betrachters aufbewahrt, sei Teil der kollektiven Bilderwelt und werde als solche zitiert. Aber es ist eine „répétition différente“, wie es der französische Kunstphilosoph Gilles Deleuze nannte, und damit eine originäre Neuschöpfung.
Das gilt auch für die bildkompositorischen Zitate, wie etwa das oszillierende Spiel mit der Bellini nachempfunden Ordnungsstrenge und Symmetrie, das sich in nahezu allen Arbeiten wiederfindet. Gerade auf der anarcho-chaotischen Grundierung ist diese „Serialität“ versteckter Zitate und kunstgeschichtlicher Anspielungen nicht ohne Ironie und Witz. Der so entstandene Eindruck zyklischer Reihungen sich wiederholender Motiv- und Farbmuster enthüllt beim näheren Hinsehen die Metamorphosen, die die verschiedenen Bilder durchlaufen haben.
Andreas Kramer ist nicht nur ein Künstler internationalen Ranges, sondern auch als Kunstpädagoge sehr umtriebig. Neben seinen Lehraufträgen, u. a. an den Kunsthochschulen in Venedig und Osnabrück, vermittelt er in Workshops, Pleinairs und kunsthistorischen Seminaren von Berlin und Umgebung über München bis nach Venedig, Umbrien, Padua und Sizilien seine Kunstauffassung und seine erworbenen technischen Fertigkeiten weiter. Einige der Themen muten wie eine Einführung in die hier ausgestellten Arbeiten an: „Wege zur Abstraktion“, „Farbe und Abstraktion“, „Farbholzschnitt“, „Figur und Abstraktion - Malerei & Holzschnitt“, „Holzschnitt auf Leinwand“, „Die Poesie der Formen und Farben“, „Farbe, Sinnlichkeit und Abstraktion“, „Farbstürme“, „Die Sprache der Formen und Farben“ usw.
Teile dieser Ausstellung in der Kulturbund Galerie werden anschließend nach Venedig weiterwandern und im Mai parallel zur Kunstbiennale am Canal Grande gezeigt werden. Die Arbeiten, zum Teil ja dort auch entstanden, werden dann also zu ihren inspiratorischen Quellen zurückkehren. Der Ausstellung hier wie dort sei ein interessiertes und angeregtes Publikum gewünscht. Menschen, die die Nase voll haben von den Unfarben des Stahlbetons der Grau-Städte, gibt es ja schließlich genug.
Andreas Kramer, Holzschnitte; bis 14. 04. 2017, Kulturbund Galerie des Kulturring in Berlin e. V., Ernststraße 14-16, 12437 Berlin-Baumschulenweg (S-Bhf, Bwg).


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