Kulturnews 03/2017

Dagmar Gleim:

„Der Kulturbund Treptow ist mein zweites Zuhause“

Foto: Dagmar Gleim

Sie ist nicht nur treue Teilnehmerin der vielen Veranstaltungen im Kulturbund Treptow, sondern selbst aktive Künstlerin, deren Kunst an vielen Orten, so auch in der Ernststraße 14-16, ausgestellt wurde und wird. Ihr Leben und Schaffen bietet genug Stoff, um sie einem noch breiteren Publikum bekannt zu machen. Wie alle sensiblen Menschen reagierte sie auf dieses Ansinnen überrascht. Vorsichtig fragte sie, was man alles wissen wolle. Letztlich zeigte sie doch gern ihre Bereitschaft, sich porträtieren zu lassen. Ganz ohne Öl- oder Acrylfarben, nur mit Worten. Sie war ein dankbares Gegenüber, agierte im Gespräch als gute Teamkollegin. So vieles wusste sie zu berichten, dass die vorgefertigte Frageliste bald nicht mehr vonnöten war. Die Rede ist von der Malerin Gisela Al Amily, ein immer wieder gern gesehener Gast des Hauses in Baumschulenweg.
Das Erste, das ich von ihr wahrgenommen habe ist ein Lachen, nicht laut, aber deutlich hörbar. Ein Lachen über ein Ungeschick, das ihr widerfahren war, ein Lachen über sich selber. Dieses Lachen zieht sich wie ein roter Faden, wie ein beliebtes Motiv durch das ganze Interview. Diese Eigenschaft, den Tag so zu nehmen, wie er kommt, ist möglicherweise ein Privileg des Alters. Keine dringende Pflichterfüllung mehr, keine wichtigen Termine, die sich häufen. Dennoch ist ihr Tagesablauf, ihr Alltag, ein rühriger.
Kennen gelernt hatte ich sie bei den vielen Veranstaltungen im Kulturbund Treptow, das heißt, wirklich kennen gelernt habe ich sie erst bei dem Gespräch mit ihr. Vorher wirkte sie auf mich wie eine dezent auftretende, würdige ältere Dame mit den bürgerlichen Tugenden, wie leiser Freundlichkeit, Bildungsbeflissenheit, Neugier und Empathie. Dass sie eine Künstlerin war, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Sie lud mich für das Gespräch zu sich nach Hause ein. Viele Bilder schmückten die Wände, dennoch war ihr echtes Zuhause nicht überladen mit Gemälden. Alles picobello aufgeräumt, mit vielen Mitbringseln ihrer Reisen und außereuropäischen Aufenthalte, vorwiegend aus dem Nahen Osten. Viel Schönes liegt auf den Regalen, Beistelltischen: Schälchen, Ketten, Schmuck. Eine Ausstattung, die sicher auch ihre geschmackvolle Kleidung zieren würde. Schmuck an den Händen in Größe XXL trägt sie ausgesprochen gern, sie nennt es salopp „mein Beduinenschmuck.“ Nahe dem Fenster liegt ein Buch von Sahra Wagenknecht, eine Gabe oder Würdigung des Porträts, das sie, Gisela, von Sahra Wagenknecht für einen aktuellen Kalender angefertigt hatte.
Später wird sie mir die Schatzkiste zeigen, wo ein Gutteil der anderen von ihr gemalten Bilder einen zunächst temporären Aufenthalt gefunden haben. Bei einem Rundumblick in der Wohnung musste ich gestehen, dass Künstler doch die besseren Wohnungs-Designer sind. Wir kommen über meine Beobachtungen schnell ins Gespräch, mit einem Mal hat sie keine Scheu mehr, Privates an- und auszusprechen. Dass das so gut klappt, liegt wohl auch an dem Vertrauen, das sie Menschen per se entgegenzubringen scheint, denn die gehören zu ihrem Leben und sind Hauptmotiv der Malerei: „Mich haben schon immer die Menschen interessiert“. Das ist der Ton, der Werkstoff. Aber in welche Form wird dieser zu Kunst gebrannt? Bei ihr ist es die bildhafte Wiedergabe, die einerseits abstrakt, kubistisch wirkt, mit Figuren, die eher erahnt als gleich erkannt werden. Andererseits gibt es Motive, auf denen die Menschen so abgebildet sind, wie man sie in der Realität vorfindet. Keinerlei Überhöhung, keinerlei Glättung, ganz naturalistisch. Ihre Schönheit, Schroffheit oder Indolenz sehen echt aus, fühlen sich echt an. Sie bieten ein Alltagsbild, das mit ihrem Alltag ganz und gar nicht übereinstimmt. Es ist nicht ihre Welt, die man dort abgebildet sieht. Zu grell, zu desinteressiert, zu fern angesiedelt. Es bleibt viel Spielraum für eine Interpretation.
Für mich repräsentieren die dargestellten Figuren die gefühlte Stimmung im Lande. Angst überwältigt zu werden, oder aber dreist eine Wehr zu bauen gegen alles, was nicht geheuer scheint. Abstrakte Wiedergabe der Eindrücke oder ganz reale Darstellung, angefangen hatte sie mit der Lust zu zeichnen schon im Kindesalter. Ihre Schwester legte ein Heftchen mit den Zeichnungen der Vier- bis Fünfjährigen an. Zum folgenreichen Ausbruch kam es aber erst in der Rekonvaleszenzzeit nach einer Operation in den frühen Achtzigern. Sie hielt sich zu der Zeit in Riad, Saudi Arabien, auf, wo ihr Mann als Ingenieur arbeitete. Durch die erzwungene Ruhe hatte sie viel Zeit und fing an, Suqszenen darzustellen. Suq ist Arabisch und heißt Basar. Natürlich alles aus dem Kopf, denn es ist nicht gestattet, einfach jemanden zu fotografieren oder bildlich wiederzugeben. Den eigentlichen Katalysator stellte dann eine deutsche Kunsterzieherin dar, die auch in Riad lebte. Sie war bei einem Besuch bei Gisela so angetan von den Bildern, dass sie ihr dringend empfahl, bei der „art & crafts society“1 in Riad auszustellen. Sie war so sehr motiviert: „Und tatsächlich habe ich als erstes in der Deutschen Botschaft ausgestellt, zusammen mit meiner Entdeckerin Inge Rose-Grass“. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, so gab es sogar Kaufwünsche der Besucher. Aber die Bilder sollten gleich anschließend an einem anderen Ort ausgestellt werden.
Es klingt nach einem Traumstart einer Autodidaktin. Ihr war bewusst, dass Basiswissen fehlte, sie wollte dazulernen und heuerte, nach drei Jahren zurück in Deutschland, an der Hamburger Malschule Erika Glöde an. Lehrend und lernend? Nein: „Lernend, lernend!“ ist die knappe Antwort. „Da ich mich hauptsächlich den Menschen verschrieben habe, ist es ganz wichtig, grundlegende Kenntnisse zu haben.“ Irgendwann war es ein Selbstläufer, beim alljährlichen „Kunstkreuz“2 boten ihr kunstverständige Besucher Räumlichkeiten für weitere Ausstellungen an, baten sie, ihre Werke doch bei ihnen zu präsentieren. „Ich wurde eigentlich immer weiterempfohlen und das macht mich natürlich auch stolz.“ Zu den zahlreichen Ausstellungsorten gehörte auch der Kulturbund Treptow, zweimal hat sie dort ausgestellt. Diesem ist sie sehr verbunden, der gehöre zu ihrem Leben, erzählt sie in einem Video über die Kunstszene Berlins.
Staubtrocken diese Hamburgerin. Stimmt nicht? Stimmt nicht! Sie ist nämlich in Uelzen geboren, 1936, den Krieg hat sie auf drastische Weise mitbekommen. Und so sind die Kriegsereignisse verständlicherweise ein wichtiger Teil ihres Lebens. Sicherlich subkutan aber auch manifest in ihre Kunst geflossen. Viele Bilder und ein Gutteil unseres Gespräches haben den Krieg zum Thema. Uelzen war ein wichtiger Bahnknotenpunkt. „Ich habe als Neunjährige fünf Tage lang den Beschuss mitbekommen, jeden Tag und jede Nacht.“ Das Stadtzentrum wurde in Brand gesteckt, ganze Straßenzüge mit Flammenwerfern attackiert. Sie sah den bombardierten Kirchturm als glühende Fackel abstürzen. Ein Motiv, das Eingang in ihre Kunst fand. Ein anderes Bild ist mit „Untergang“ betitelt, es geht um die Flüchtlinge von damals, ihr Schiff wurde torpediert und ist untergegangen; ein Bild, das viele Assoziationen weckt.3
Ihre Bilder haben neben den Kriegserlebnissen und -erfahrungen auch soziologische Aspekte. Wie reagieren wir auf Flüchtlinge, sind die gemalten Flüchtlinge jene, die seinerzeit vor den heranrückenden alliierten Truppen flohen, oder diejenigen, die sich unlängst nach Deutschland wagten und sich noch immer heftigen Anwürfen stellen müssen? Sie nimmt keine Stellung zu den Bildern, sie bildet mit ihrer individuellen Sprache ab, was sie sieht und was dahinter stecken könnte. Wo es Flüchtlinge gibt, kippt das Gleichgewicht im sozialen Gefüge, im Herkunftsland und im Heimatland. Apropos, Giselas Ehemann kommt aus dem Irak. Haben sie in Ostdeutschland schlechte Erfahrungen gemacht? Gibt sich der Durchschnittsmensch skeptisch, abweisend? „Das haben wir nie erlebt. Weder hier, noch im Westen. Mein Mann spricht gut Deutsch. Er hat 25 Jahre bei Philips gearbeitet und ist berufsbedingt in viele Länder gekommen.“ Das klingt nach Weltläufigkeit, und das ist meist eine sichere Burg vor Angriffen. Zwei Söhne haben die beiden. Leben die auch in Berlin? „Nein, doch mit meiner Familie, der engeren und der weiteren, mit meinen alten Freunden, mit meinen neuen Freunden lebe ich in glücklicher Gemeinschaft. Ich sage immer, ich bin von guten Geistern umgeben.“ Bei der Zartheit ihres Körpers ein sicherer Schutz.
Mit zunehmendem Alter ist sie von großen Formaten abgekommen und malt mit Pigmenten kleine Einblicke in die Alltäglichkeit.
Gisela ist ein menschlicher Kokon aus Anständigkeit, Geordnetheit, Aufrichtigkeit, Menschlichkeit. Und doch mit einem Inneren, das mit Sperren, Einbußen, Vielfalt, Sorgfalt, Lebensfreude, Übermacht, Zurückweisungen durch das Leben versehen scheint; ein spannungsreiches Feld mit nicht immer graden Winden. Giselas Schlussworte kommen wieder staubtrocken und als Understatement daher: „Ja, dann haben Sie4 jetzt so ’nen kleinen Einblick.“ Sie hat für mich ihre mit kreativem, unorthodoxem Leben gefüllte Schatztruhe geöffnet, mehr kann man nicht erbitten.

1 Englische Reformbewegung des Kunsthandwerks und der (Innen-)Architektur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
2 Kunstkreuz, eine jährliche Aktion des Kulturrings in Berlin, mit verschiedenen Ausstellungsorten.
3 Die Wilhelm Gustloff war ein Kreuzfahrtschiff der nationalsozialistischen Organisation Kraft durch Freude (KdF), das im Zweiten Weltkrieg als Lazarettschiff diente.
4 Zu dem Zeitpunkt waren wir längst per Du


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