Kulturnews 03/2017

Dr. Gerhard Schewe:

Ein Schatz wurde gehoben

Ein Kulturring-Projekt mit Langzeitwirkung - Erinnerungen an Evelyn Hartnick-Geismeier
Die Bildhauerin Evelyn Hartnick mit Löwenskulptur, aus: W. Steguweit, Die Bildhauerin und Medailleurin Evelyn Hartnick, in „Die Gedenkmünzen der DDR und ihre Schöpfer“ (Frankfurt 2000) 58, mit Genehmigung von W. Steguweit und E. Hartnick, Foto: CC BY-SA 3.0 DE

Frühere Beschäftigte des VEB Bergmann-Borsig in Pankow werden vielleicht noch die großformatige Reliefplatte kennen, die in ihrem Werk an den Maler Otto Nagel erinnern sollte, der hier selber einmal als Transportarbeiter tätig gewesen war; ehemalige Pharmazie-Studenten der Humboldt-Universität an ein eben solches Relief, das in ihrem Institutsgebäude den friedlichen Aufbau nach dem Krieg symbolisierte. Beide stammten aus dem Atelier der Bildhauerin Evelyn Hartnick (die später den Direktor der Alten Nationalgalerie Willi Geismeier geheiratet hat, was den Doppelnamen erklärt). Andere Schöpfungen der Künstlerin stehen noch heute direkt im öffentlichen Stadtraum: der von fünf Kindern gebildete Tröpfelbrunnen hinter den Spittelkolonaden in der Leipziger Straße etwa oder das Denkmal für die legendären Sänger aus Finsterwalde auf dem Marktplatz ihrer Heimatstadt. Eine große Zahl sehr viel kleinerer Kunstschöpfungen aus ihrer Hand, nämlich Gedenkmünzen und -medaillen bis hin zu Entwürfen für Euro-Geldstücke ruhen, weniger bemerkt, in den Schatztruhen des Münzkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin.
Wer war diese 1931 geborene Evelyn Hartnick, die noch heute zurückgezogen in Pankow lebt? Sie gehörte eigentlich immer zu den Stillen im Land, deren Namen nur wenige kannten. Unverdientermaßen allerdings, wie ihr Schaffen zeigt! Und auch ihre Vita ist nicht ohne erinnernswerte Details. Mit ihrem Wunsch, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen, sah sie sich ihrem noch kurz vor Kriegsende gefallenen Vater Bruno Hartnick verpflichtet, der – ein Schüler von Käthe Kollwitz – ebenfalls Maler und Graphiker gewesen war. Entdeckt und gefördert wurde sie von keinem Geringeren als Max Schwimmer. Und als sie 1956 die Kunsthochschule Weißensee als diplomierte Bildhauerin verließ, konnte sie als Schülerin von Heinrich Drake gelten. In ihrem künstlerischen Selbstverständnis sah sie sich vor allem in der sozialkritischen Tradition, einer Käthe Kollwitz, eines Heinrich Zille und eines Otto Nagel.

Evelyn Hartnick, Brunnenfigur, ebenda, Foto: CC BY-SA 3.0 DE

Empfehlenswert ist deshalb auf jeden Fall ein 2014 im Leipziger Passage-Verlag erschienenes Buch, dessen Titel Die Bildhauerin Evelyn Hartnick-Geismeier freilich nicht verrät, ob es sich um ein Werk von der Künstlerin handelt oder um eins über sie. Die Lösung: beides trifft zu. Ein Abbildungsteil von über 60 Seiten dokumentiert das Gesamtwerk der Reliefs, Plastiken, Münzen und Medaillen. Der Textteil enthält neben einer kurzen kunsthistorischen Einführung von Jens Semrau und ein paar autobiographischen Anmerkungen den Abdruck Dutzender von Briefen, die die damalige Kunststudentin von März 1949 bis Januar 1952 an ihren in Hamburg studierenden Jugendfreund und späteren ersten Ehemann, den Graphik-Designer Günter Nietzsche richtete. Warum diese zeitgeschichtlich höchst aufschlussreichen, aber letztlich doch eher privaten Briefe Eingang in das Buch gefunden haben, hängt damit zusammen, dass dieses gleichsam noch eine dritte Bezugsebene hat, obwohl die mit keinem Wort erwähnt wird: nämlich den Kulturring in Berlin e.V. Nichts deutet darauf hin, dass die Verfasserin des Einführungstextes, Hannelore Sigbjoernsen, seit vielen Jahren Vorstandsmitglied des Kulturrings ist und sich seit noch längerer Zeit insbesondere mit ihren Recherchen zur Kultur- und Sozialgeschichte Pankows verdient gemacht hat. Und so hat sie in gewisser Weise auch bei der Entstehung dieses Buches Pate gestanden.
Angefangen hatte alles mit der industriegeschichtlichen Spurensuche bei Bergmann-Borsig, aus der eine Ausstellung im Museum Pankow und eine im Pankower Brose-Haus hervorgegangen ist, dem Sitz des Freundeskreises der Chronik Pankow e.V. Über das eingangs erwähnte Relief führte das schließlich zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen damaligen Mitarbeitern des Kultur-
rings, dem genannten Museum und dem Freundeskreis. Das war die Grundlage dafür, dass sich die Künstlerin nach über 60 Jahren bereit erklärte, ihre Briefe als authentische Zeitzeugnisse zu veröffentlichen. Wie hatte Hannelore Sigbjoernsen ihren Text betitelt? Ein Schatz wurde gehoben.


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